Pandemisches Wohnen

Als ich hörte, dass mein Kumpel zwangsgeräumt wurde, ließ ich ihm ausrichten, er könne erstmal bei mir unterkommen. Jetzt hat das Jobcenter für die nächste Zeit geschlossen, er wird wohl eine Weile bei mir bleiben müssen. Mein Alltag als frisch coronabedingter Arbeitsloser heißt: drei Leute, 24 Stunden, 60 Quadratmeter Altbau. Du hörst, welche Musik die anderen hören und wann sie schnarchen. Wenn einer schlechte Laune hat, kriegen es alle ab. Oder, in Pandemie-Zeiten: Wenn einer die Seuche bekommt, haben‘s alle.

Prekäre und Priviligierte

Ich möchte keine Villa, kein Einfamilienhaus. Mal abgesehen von seiner ökonomisch fehlenden Realisierbarkeit empfinde ich „Suburbia“ als Vorstadthölle, so viel sei gesagt. Worum es mir geht, ist die Enge der Lebensbedingungen und ihre Folge in gesellschaftlichen Ausnahmesituationen. Sich die Quarantäne als „Auszeit“ zurechtlegen zu können, ist ein verdammtes Privileg. Fragt die Geflüchteten in Halberstadt[1]Seit dem 5. April protestieren Geflüchtete in Halberstadt mit einem Hungerstreik gegen unhaltbare Bedingungen in der Zentralen Anlaufstelle – und im Vergleich dazu erscheint mir meine Wohnsituation auch wieder geradezu sonnig.

Als die Corona-Pandemie so richtig los ging, glaubte das bürgerliche Leitmedium Nummer 1, der SPIEGEL, das große „Wir“ ausrufen zu können.[2]Stefan Kuzmany – „Wir Patienten Ich habe ein wenig nachgedacht und festgestellt, dass es sich um ein anderes „wir“ handeln muss, als das, von dem ich im Moment etwas mitbekomme. Ich will keinesfalls kleinreden, dass es derzeit jede Menge Momente gegenseitiger Solidarität gibt, in denen sich Nachbar*Innen unterstützen, in denen einander völlig fremde Menschen ihre Komfortzone verlassen und Hilfe leisten, die öffentliche Strukturen gerade keineswegs gewährleisten.

Doch diese Momente haben eine Kehrseite: Gerade für die weniger Privilegierten unter uns wechseln sich die Handlungen und Empfindungen der Solidarität mit Momenten der Enge, des Festsitzens ab.[3]Jochen-Martin Gutsch – „Heult leise!“ Auch hier schaffte es der SPIEGEL nahezu grandios, einerseits einzugestehen, dass es die Menschen nun doch unterschiedlich hart trifft – und dann dazu aufzurufen, es alles nicht so schlimm zu nehmen. Mit Situationen, die schwer erträglich sind und die mit jedem Tag noch unerträglicher werden. Für uns sieht es so aus: Drei Leute auf engem Raum, davon zwei ohne jegliches Einkommen. Das geht schon irgendwie. Was ist mit vielköpfigen Familien in Großstädten, den nächsten Park fünf U-Bahn-Stationen und drei Polizeikontrollen entfernt, in heruntergekommenen überbelegten Wohnungen? Mit Kindern, denen als erstes nach durchdrehen zumute ist, dann den Eltern – Lärm und Existenzangst inbegriffen, denn wie soll gerade die Miete bezahlt werden? Und was ist mit den Leuten in den Lagern – Verzeihung, Gemeinschaftsunterkünften – denen ja mangels eines deutschen Passes ja sowieso die Zugehörigkeit zum großen „Wir“ abgesprochen wird?

Austauschbare Arbeitskräfte

Lohnarbeit gewinnt in diesen Tagen eine zusätzliche Ambivalenz. Noch vor wenigen Wochen atmeten jene auf, die nicht schon nach wenigen Tagen gefeuert oder auf Kurzarbeit gesetzt wurden. Wer ein krisensicheres Einkommen zu haben scheint, zählte sich in den ersten Tagen der Krise noch als privilegiert. 60 Prozent Kurzarbeitergeld sind okay für Einzelpersonen in den wenigen Regionen Deutschlands mit niedriger Miete – für Großstadthaushalte sind sie der Ruin. Wer ein informelles Beschäftigungsverhältnis hatte, schaute eh in die Röhre. Nun mehren sich langsam die Stimmen derjenigen, die zwar ihren Job behalten konnten, aber angesichts der wachsenden Ansteckungsgefahr verzweifeln. In Plauen hat die FAU eine Kritik von Kaufland-Arbeiter*Innen veröffentlicht [4]jena.fau.org/plauen/kaufland-plauen. Die sächsische Allgemeinverfügung regelt den Schutz der Kund*Innen im Supermarkt detailliert – die Beschäftigten werden im Papier nicht mal erwähnt. Im wohlhabenden Baden-Württemberg kündigen die ersten Pfleger*Innen wegen fehlender Schutzkleidung.[5]Badische Neueste Nachrichten vom 31.03.2020 „Fühlen uns verarscht“ Und global protestieren Amazon-Arbeiter*Innen gegen die Bedingungen in den Warenlagern. Klar ist: Arbeitskräfte im Kapitalismus sind austauschbar. Wenn die einen kaputt gehen, gibt es genug neue.

Soziale Spaltung

Ich muss mich distanzieren von den Wir-Rufen. Von denen, die allen Ernstes der Meinung sind, im Angesicht der Katastrophe gäbe es nur noch Gleiche unter Gleichen. Nun, lieber SPIEGEL, ich will dir für deinen diskursiven Unfall aus der Coronakrisen-Anfangsphase keine böse Absicht unterstellen: Aber, dass „wir“ alle gleich betroffen sind, stimmt so einfach nicht. Dem Virus wurde anfangs an verschiedener Stelle ein egalitäres Moment unterstellt. Jetzt geht es (endlich mal wieder!) um die Nation oder sogar um die Menschheit. Diesmal ist es nicht der Fußball, der uns vereint, nein, diesmal ist es was ernstes: Eine Seuche ungeahnten Ausmaßes. Und trotzdem möchte ich meinen, dass es unter der Oberfläche, selbst unter Beachtung der nackten medizinischen Fakten, eher die gesellschaftlichen Spaltungslinien sichtbar macht, die uns vom Kapitalismus aufgezwungen werden.

Wie wirken sich Stress, prekäre Arbeit, Unsicherheit, Lärm und Enge auf das Immunsystem aus? Die soziale Spaltung der Großstädte in Deutschland hat in den letzten Jahren spürbar zugenommen. [6]Marcel Helbig & Stefanie Jähnen – Wie brüchig ist die soziale Architektur unserer Städte? In besonderem Maße betroffen sind arme Haushalte mit Kindern – eben diejenigen, die nun zu „Homeschooling“ gezwungen in viel zu kleinen Wohnungen hocken, tendenziell in der Pflege und im Supermarkt arbeiten und vermutlich aus Angst, den Job zu verlieren, unsichere Arbeitsbedingungen eher hinnehmen werden. Wer kein Geld hat, lebt zunehmend in beengten Wohnverhältnissen. Wer in prekären Verhältnissen lebt, stirbt eher, denn diese machen nicht nur psychisch krank, auch physisch führen sie zu einer verkürzten Lebenszeit [7]Meisterhaft dargestellt im Film „Ich, Daniel Blake“ von Ken Loach.. Im „Supernovamag“ hat Fabian Hillebrand bereits auf die niedrigere Lebenserwartung der Menschen in sozial benachteiligten Stadtvierteln hingewiesen.[8]

Aber gibt es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen fehlenden Möglichkeiten, überhaupt Distanz zu den Mitmenschen einzugehen, und der Ausbreitung von Pandemien? Der Virus mag vielleicht nicht nach der Klassenzugehörigkeit fragen, bevor er sein nächstes menschliches Ziel befällt. Aber wer sich vorher schon in einem Einfamilienhaus oder in einer Villa verschanzt, hat eine deutlich größere Chance, nicht getroffen zu werden. Wer unter privilegierteren Menschen trotzdem einmal infiziert ist, kann sich wahrscheinlich zumindest eine vernünftige ärztliche Behandlung leisten – und ist nicht am Anfang schon so körperlich zerschunden, dass sie oder er zur leichten Beute wird. Aktivist*Innen vom „Chuang“-Kollektiv, die sich mit dem chinesischen Kapitalismus beschäftigen, haben zuletzt auf die Bedingungen für die Ausbreitung neuer Epidemien hingewiesen: Unterernährung, Überbevölkerung, katastrophale hygienische Bedingungen in den Wohnquartieren hatten die hohe Sterblichkeit der Spanischen Grippe bewirkt, die zwischen 1918 und 1920 mehrere Millionen Tote forderte. Was das neuartige Coronavirus angeht, so gehen die Autor*Innen nicht zuletzt von einem kaputtgesparten Gesundheitssystem als Faktor der schnellen Ausbreitung aus.[8]Chuang: Soziale Ansteckung. Mikrobiologischer Klassenkampf in China, in: Analyse & Kritik Nr. 658, 17.03.2020

Die aktuellen Karten der Corona-Pandemie legen den Schluss nahe, dass der Erreger dort besonders leichtes Spiel hat, wo sich viele Menschen auf engem Raum aufhalten. Der US-amerikanische Bundesstaat New York hatte innerhalb kurzer Zeit mehr Infizierte aufzuweisen als Deutschland. Hamburg war lange Zeit das Bundesland mit der höchsten Quote an Infizierten, das dicht besiedelte NRW folgte im Windschatten, während Mecklenburg-Vorpommern als ziemlich menschenleere Gegend am besten dasteht. Trifft die Krankheit in Großstädten auf überfüllte Wohnquartiere mit schlechten hygienischen Bedingungen, in denen proletarisierte Menschen zu leben gezwungen sind, sind die Folgen katastrophal. Wie oben beschrieben, kommen dazu Stress, Lärm, schlechte Arbeitsbedingungen und eine kaputtgesparte Gesundheitsversorgung. Wer von den bürgerlichen Feuilleton-AutorInnen weiß es, wie es sich anfühlt, als Pflegekraft nach einer Nachtschicht in einer überfüllte Dreizimmerwohnung zurückzukommen, die man sich womöglich mit den Eltern und den drei kleinen Geschwistern teilen muss? In der man sich nicht ausweichen kann, selbst wenn einer infiziert ist? Dieser Zustand ist nicht egalitär. Dieser Zustand ist pandemisches Wohnen.

Nein, das Risiko moderner Epidemien ist nicht einmal annähernd gleich in der Bevölkerung verteilt. All jene, die das jetzt behaupten, sitzen dem gleichen Irrtum auf, wie die bürgerliche Soziologie schon seit dem Zeitpunkt, an dem Ulrich Becks „Risikogesellschaft“ das Ende der Klassengesellschaft verkündete – angeblich würden nun neue horizontal verteilte Risiken, die klassenübergreifend wirken, an Stelle alter starrer Klassenstrukturen treten. Der große Traum vom immerwährenden „Fahrstuhl nach oben“ (der ja im Grunde die Unterschiede gar nicht verschwinden ließ, aber die Menschen immerhin kollektiv auf einen höheren Lebensstandard hieven sollte), war spätestens ein gutes Jahrzehnt danach mit seinem Latein am Ende. Und zwar, als sich Armut und prekäre Lebensverhältnisse mit dem Stottern des fordistischen Nachkriegsbooms und der Liberalisierung der Arbeitsverhältnisse rasant ausdehnten und die Hartz-Reformen die Spaltung der Gesellschaft in Gewinner*Innen und Verlierer*Innen zunehmend zementierten. Diese Spaltung existierte schon vorher – durch rassistische Gesetzgebungen, die den Zugang zu Wohnraum und Gesundheitsversorgung zu einer Zugehörigkeit zur „deutschen Nation“ abhängig machten und immer noch machen. [9]Siehe die aktuellen Ereignisse in Halberstadt.

Man braucht nicht sonderlich bewandert in linken Diskursen zu sein, um zu sehen, dass soziale und ökologische Katastrophen im Kapitalismus immer zuerst am unteren Ende der Gesellschaft – auch global – für Verwüstung und Elend sorgen. Was nun mit den Mitteln von Nationalstaat und bürgerlicher Demokratie machbar ist, ist Schadensbegrenzung, mehr nicht. Für alles weitere stellt sich einmal mehr die Systemfrage.

 

Roman Waldheim ist Mitglied der FAU Plauen. Er verdient sein Geld als freiberuflicher Spracharbeiter sowie als Aushilfe an einem Stadttheater. Als ehemaliger Barkeeper, Lokaljournalist und Langzeitarbeitsloser ist er aus eigener Erfahrung mit vielen Formen der Prekarität vertraut.

 

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