Skizze eines konstruktiven Sozialismus (Teil 1)

Wenn die Krise auch nicht viel Gutes gebracht hat, so doch zumindest, dass in der Linken ein Umdenken begann. Bereits 2009 wurde in der Direkten Aktion festgestellt, dass Klassen- und Transformationspolitiken wieder im Kommen sind.[1]Siehe Holger Marcks, »Das Langweiligste der Welt: Die Gewerkschaft als Mittel der Transformation. Zur Theorie der gesellschaftlichen Veränderung im Syndikalismus«, in: Direkte Aktion, Nr. 195, Sept./Okt. 2009 (online hier). Und da beide Ansätze – insbesondere im Verbund – schon immer Kernbestände des Syndikalismus waren, konnte angenommen werden, dass dieser fruchtbare Anregungen für eine Erneuerung der Linken zu bieten hat. Heute, fast zehn Jahre später, lässt sich tatsächlich ein kleines Revival des Syndikalismus feststellen. Wie der Historiker Marcel van der Linden letztes Jahr in einem Interview mit dem Neuen Deutschland feststelle, setzen Gewerkschaften basisdemokratischen Typs derzeit neue, wenn auch »vorsichtige« Akzente im allgemeinen Niedergang der Arbeiterbewegung.[2]Nelli Tügel, »Die Arbeiterklasse wächst und bewegt sich. Der Historiker Marcel van der Linden über riesige Streiks, schwache Gewerkschaften und prekäre Normalarbeit«, in: Neues Deutschland, 11. Juli 2017 (online hier). Die FAU selbst hat im letzten Jahrzehnt ihre Mitgliederzahl verdreifacht, und insbesondere in Berlin hat sie sich zu einer florierenden und medial viel beachteten Basisgewerkschaft entwickelt. Mit ihren rund 500 Mitgliedern knüpft die FAU Berlin sogar an den Mitgliederstand der lokalen FAUD zum Ende der Weimarer Republik an. Sie stellt damit die größte lokale Basisstruktur in Deutschland und zählt mehr aktive Mitglieder als andere außerparlamentarische Organisationen der Hauptstadtlinken.[3]Siehe Ferdi Konun, »Make Syndicalism Great Again! Zehn Jahre Neustart der FAU Berlin – eine Bilanz«, auf: berlin.fau.org, 20. März 2018 (online hier). Auch anderswo im Lande gedeihen syndikalistische Organisationen, so etwa mit der Frankfurter Hochschulgewerkschaft unter_bau oder der Gefangenengewerkschaft GG/BO.

Gleichzeitig sind Transformations- und Klassenpolitiken zu regelrechten Trendthemen der Linken avanciert. Dies allerdings, ohne dass groß auf den Syndikalismus Bezug genommen würde. Das ist schon ironisch. Denn der allgemeine Tenor der Debatte handelt nicht einfach von einer Aufwertung von Klassenfragen, sondern singt auch ein Loblied auf ›horizontale‹ Organisationsformen, die eine ›präfigurative Politik‹ fundieren sollen; als ›Keimformen‹ einer künftigen Gesellschaft sollen sie neue soziale ›Beziehungsweisen‹ etablieren, mit denen sich die kapitalistischen Strukturen jenseits des Staates aufheben lassen.[4]Zu den Begriffen siehe weiter unten Nanu, mag sich da die geschichts- und begriffsfeste Linke denken. Ist das nicht der Choral des Syndikalismus? Richtig, genau das sind die Merkmale, die diesen von Anbeginn definierten und von anderen Sozialismen abgrenzten. Die Linke vollzieht daher per definitionem eine Wende zum Syndikalismus, ohne diesen explizit zu machen. Wie sich diese vertuschte Syndikalisierung erklären lässt, ist gewiss eine diskutable Frage. Sicher ist jedenfalls, dass die Entkopplung dieser Ideen vom Syndikalismus zu Problemen in der Strategieentwicklung führt. Denn durch das Trugbild, es handele sich hierbei um einen neuen Ansatz oder gar ein marxistisches Update, wird der Blick auf die Erfahrungen jener Bewegung verstellt, die diesen Ansatz in verschiedenen Kontexten und Varianten bereits praktiziert hat. Praxiserfahrungen sind aber das Herzstück jeder guten Theoriebildung.

Es wundert daher nicht, dass jene Debatten oft kryptisch oder abstrakt bleiben. Ihnen fehlt das praktische Wissen, wie Selbstorganisation in verschiedenen Formen und Zusammenhängen funktioniert, einschließlich ihrer Schwierigkeiten und Widersprüche. Entsprechend gibt es ein großes Problem mit der Konkretwerdung. Selbst die pointierteren Vorschläge bleiben nicht mehr als Wunschdenken, da sie keine Wege aufzeigen, die momentan resonanzfähig wären oder Nachhaltigkeit versprechen. Eine syndikalistisch informierte Perspektive könnte da Abhilfe schaffen. Denn wo findet man mehr Wissen über die Probleme transformatorischer Basisorganisierung, wenn nicht in der Bewegung, die das seit 150 Jahren praktiziert und theoretisiert? Eine solche Nutzbarmachung soll mit dieser Artikelserie erfolgen. Zu Beginn steht dabei eine Erörterung syndikalistischer Transformationspolitik und ihres Verhältnisses zu aktuellen Debatten. Der zweite Teil stellt dann erste Bausteine eines sozialistischen Neuaufbaus vor, während der dritte Teil grundlegende Techniken erläutert, die der Aufbau solcher Organisationen verlangt. Im Finale werden schließlich weitere Bausteine angedacht und eine Konföderation sozialer Reorganisation in Aussicht gestellt. Auf diese Weise soll eine zeitgemäße Skizze dessen entstehen, was Rudolf Rocker einst als »konstruktiven Sozialismus« bezeichnete: eine aufbauende Sozialtechnik, die strategisch zwischen Realität und Utopie vermitteln kann.

The Short Game: Alter Wein in Neuer Klassenpolitik

Zu Beginn der Krise 2007/08 konnte man meinen, das revolutionäre Morgenrot stehe bevor. So ekstatisch waren die Abgesänge auf den Kapitalismus in der Linken. Die Direkte Aktion gehörte damals zu den Spaßbremsen und sah in der Krise »eher eine Chance für die Reaktion«. Eine Linke, die sich nicht durch beharrliche Klassenpolitik eine soziale Basis erarbeitet habe, könne nur zusehen, »wie die Geschichte einen dunklen Weg nimmt«.[5]Holger Marcks, »Die Pest der Gegenwart. Wirtschaftskrisen können menschliche Existenzen tilgen, nicht aber den Kapitalismus«, in: Direkte Aktion, Nr. 190, Nov./Dez. 2008. Nach einer Weile trat tatsächlich Ernüchterung ein, die mahnenden Stimmen, dass soziale Fragen wieder ernsthafter behandelt werden müssten, wurden lauter. Spätestens mit dem flächendeckenden Aufstieg der Neuen Rechten erhielten dann auch Positionen Auftrieb, die eine grundsätzliche Revision linker Praxen und Organisationsformen forderten. Denn mit Didier Eribon als Kronzeugen hielt der Verdacht Einzug, dass die Linke durch ihre abstoßende und exklusive Verfassung selbst den autoritären Rollback begünstige, zumindest ihm nichts entgegenzusetzen habe.[6]Vgl. Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016; sowie ders., Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege, Berlin 2017. Diese Entwicklung gipfelte schließlich in einer Debatte um »Neue Klassenpolitik«, wie sie von Sebastian Friedrich in der Analyse & Kritik getauft wurde.[7]Für den Initialartikel siehe Sebastian Friedrich, »Für eine ›Neue Klassenpolitik‹. Warum trotz sexistischer, rassistischer und nationalistischer Spaltungen gemeinsame Kämpfe möglich sind«, in: Analyse & Kritik, Nr. 627, Mai 2017 (online hier). Mit ihr scheint nun auch bei der aktionistischen Linken die triviale Erkenntnis angekommen zu sein, dass die Verhältnisse nicht durch exklusive Interventionsgruppen ins Wanken kommen, sondern es dafür einer Basis in den unteren Klassen bedarf.

Seitdem haben Vorschläge für linke Erneuerung Konjunktur. Und um es vorwegzunehmen: Man merkt ihnen an, dass die Linke strategisches Denken lange vernachlässigt und kaum Organisationserfahrungen gesammelt hat. Nicht nur mangelt es an dem anthropologischen Feingefühl, das für einen »realistischen Radikalismus« von Nöten wäre.[8]Zum Begriff siehe Saul D. Alinsky, Rules for Radicals. A Pragmatic Primer for Realistic Radicals, New York 1971. Auch fehlt, wie es Loren Balhorn im Ada Magazin als linke Schwäche ausmacht, ein Verständnis, »wie Phase 1 und Phase 3 zusammenhängen«, also die Transformation zwischen heute und übermorgen zu vollziehen ist.[9]Loren Balhorn, »Die Unterhosen-Wichtel-Linke«, auf: adamag.de, 28. Mai 2018 (online hier). So sind die Vorschläge zwar konkret, aber beziehungslos, ambitioniert, aber substanzlos. Nehmen wir etwa das Plädoyer von Kollektiv Bremen, »Stadtteilgewerkschaften« aufzubauen.[10]Kollektiv Bremen, »Klassenkampf mit der Stadtteilgewerkschaft. Revolutionäre Stadtteilarbeit ist ein Teil der Klassenpolitik«, in: Analyse & Kritik, Nr. 636, März 2018. Mit diesem (irreführenden) Ansatz will man Anlaufpunkte im Kiez bieten, um zu allen möglichen sozialen Problemen aktiv werden zu können. Genau das also, was fast alle linken Gruppen ohnehin anbieten. Im Prinzip kehrt man damit das Mantra, man müsse ›an konkreten Problemen ansetzen‹, nur stärker nach außen. Und gewiss wird man mit so einem Reframing auch offener sein als mit der sehr ideologischen Profilierung von Affinitätsgruppen, deren exklusive Funktionsweise bleibt aber erhalten. Denn dass es auch elaborierter Organisationsstrukturen bedarf, um aufnahme- und entwicklungsfähig zu sein, dazu findet man keinerlei Überlegungen.

Ähnlich verhält es sich mit dem von Torsten Bewernitz vorgebrachten Vorschlag, die Workers Centers aus den USA zu importieren.[11]Torsten Bewernitz, »Über die Gewerkschaft hinaus? Eine Neue Klassenpolitik muss praktisch werden – Worker Center wären ein Ansatz dafür«, in: Analyse & Kritik, Nr. 638, Mai 2018. Das klingt verlockend, zumal diese Zentren an die Arbeiterbörsen des alten Syndikalismus erinnern, in denen betriebsübergreifende Arbeitersolidarität organisiert wurde. Allerdings entstand beides tatsächlich aus einer Bewegung von ArbeiterInnen. Genau diese soziale Basis fehlt dem Vorschlag aber, der mit solchen Zentren ja ArbeiterInnen erstmal erreichen will. Entsprechend erklärt sie Bewernitz denn auch zu Sammelpunkten der lokalen Linken, die irgendwas mit Klassenpolitik am Hut hat. Dabei listet er so manche studentisch geprägte Gruppe auf, die über das Mantra, man müsse halt ›praktisch werden‹, nicht wirklich hinauskommt. Die Zentren wären so nur eine Ansammlung linker AktivistInnen in neuem Gewand. Dasselbe gilt für den Vorschlag des Lower Class Magazins, einen »Kongress der Kommunen« zu etablieren.[12]LCM-Redaktion, »Kongress der Kommunen: Neue Klassenpolitik braucht die Anbindung an reale Organisierungsprozesse. Ein Vorschlag, wie das aussehen könnte«, auf: lowerclassmag.com, 23. April 2018 (online hier). Auch hier besteht das ›Innovative‹ darin, eine Liste von Kollektiven zu benennen, die sich darüber koordinieren könnten, darunter einige linke Gruppen, die wohl gerne in die klassenpolitische Praxis kommen würden. Hier zeigt sich also nicht mehr als das Mantra, man müsse halt »eine gemeinsame Praxis entwickeln«, wie es etwas einfallslos die Gruppe »Proletarische Autonomie« einfordert, die jenen Kongress gutheißt.[13]Proletarische Autonomie Magdeburg und Finsterwalde, »Neue sozialrevolutionäre Bewegung«, auf: lowerclassmag.com, 15. Mai 2018 (online hier).

All diese Vorschläge bieten im Grunde keine neuen Ansätze. Mit ihnen wird so getan, als müssten bestehende Formen der Linken nur neu verpackt werden. Dass deren Isolation etwas mit genau jenen Formen zu tun haben könnte, bleibt missachtet. Und so laufen diese mathematisch gedachten Vorschläge nicht auf eine erneuerte Grundlage hinaus, sondern auf eine Summierung der bestehenden Unzulänglichkeiten. Weil sie keinerlei schöpferische Ansätze für die strategische Verschiebung von Verhältnissen enthalten, bleibt »Phase 2« eine Leerstelle. Generell gibt es nur wenige Vorschläge, die diese konkret auszuleuchten versuchen, wie etwa der aus der FAU Dresden. Mit Nachbarschaftsräten, über die die Selbstverwaltungsstrukturen eines Stadtteils ein kommunalistisches Gebilde ergeben sollen, liegt ein Konzept vor, das eine transformatorische Perspektive aufmacht.[14]Erna Rauch, »Perspektiven gewinnen: Organisierte Nachbarschaften und Föderationen Hand in Hand!«, auf: direkteaktion.org, 17. Jan. 2018 (online hier). Allerdings ist diese Strategie beziehungslos, da sie wiederum »Phase 1« überspringt: die Herstellung einer sozialen Basis. Die Räte wären also nur eine Ansammlung linker AktivistInnen, die Zeit für experimentelle Lebensformen haben. Und wahrscheinlich würde man, indem man den zweiten Schritt vor dem ersten geht, noch die Distanz zum sozialen Umfeld vergrößern. Denn als kleine Minderheit die Reorganisation einer Nachbarschaft zu beanspruchen, würde zurecht als anmaßend, wenn nicht sogar illegitim wahrgenommen werden.

Dass die Linke ein Problem hat, an der Substanz zu arbeiten, die eine Transformationspolitik voraussetzt, hat viel damit zu tun, dass sie Klassenfragen zwar theoretisieren kann, ihr für die Praxis aber die nötige Empathie fehlt. Immerhin ist sie seit Jahrzehnten eine vorwiegend jugendkulturelle Veranstaltung bildungsbürgerlicher Abkömmlinge, die in Nischen überlebt und kaum praktischen Bezug zur Masse hat. Dieser gap lässt sich nicht einfach mit klassenpolitischen Postulaten überwinden, sondern erfordert aufrichtige Hingabe. Was das genau meint, lässt sich mit einer Analogie erklären, die der afro-amerikanische Aktivist Ahjamu Umi gezogen hat, als er die US-Linke für ihre Antifa-Arbeit kritisierte.[15]Siehe Ahjamu Umi, »Listen to Those Who Know: Don’t React to White Supremacists«, auf: abetterworld.me, 1. Juni 2017 (online hier). Mit ihrem kurzsichtigen Aktionismus sei sie anscheinend nicht wirklich interessiert daran, das Problem des Rechtsrucks zu lösen, was nämlich bedeuten würde, durch harte Arbeit das Vertrauen der Massen zu gewinnen. Die AktivistInnen seien wie Kerle, die Frauen schnell an die Wäsche, aber keine tiefere Beziehung zu ihnen aufbauen wollten. Die (ungewöhnliche) Analogie lässt sich gut auf das Feld der Klassenpolitik übertragen. Viele Linke handeln sozusagen wie Pick-Up-Artists, die ohne Umwege das Arbeitersubjekt erobern möchten. Und wie bei den Pseudo-Casanovas klappt das natürlich selten und man stößt eher ab – und trotzdem redet man ständig über das ›Aufreißen‹, weil man sich in der Szene profilieren will.

Tatsächlich hat die Linke seit 1968 ihre Praxis hyperideologisiert, war mehr daran interessiert, wie ihre Ideen in Szeneohren klingen als an den Menschen. Das spiegelt sich in ihren praxistheoretischen Diskursen wider, die zumeist meta- und makroanalytisch fundiert sind, also über ›große‹ Problem räsonieren. ›Kleinen‹ Problemen begegnet man mit Verachtung; sie sind für linke Profilierung, die vermeintlich ums Ganze geht, ungeeignet. In mikro- und mesoanalytischen Fragen – etwa wie Organizing und Ideenvermittlung funktionieren oder wie man Organisationen effizient und dynamisch konstituiert – verhält sich die Linke daher ignorant. Sie neigt so zu einer »Selbstverständlichmachung« von Organisationspraxen,[16]Der Begriff stammt von der Philosophin Rahel Jaeggi und meint einen Zustand, in dem Denkfiguren der kritischen Reflexion entzogen, also zu Ideologie geronnen sind; Rahel Jaeggi, »Was ist Ideologiekritik?«, in: Rahel Jaeggi & Tilo Wesche, Was ist Kritik?, Frankfurt a.M. 2009, S. 266–295, hier S. 268. die nicht anschluss- und leistungsfähig sind. In Erwartung, dass sich eine Bewegung ›organisch‹ entwickele, verkennt sie, wie sich durch gut konstruierte Organisationen und passgenaue Taktiken Handlungsspielräume umgestalten lassen. Sie hat so eine nur sehr grobe, weil zu kategorische Praxistheorie, der das Feingefühl für Prozesse abgeht. Langfristige Strategien und damit Erfolge sind so nicht möglich. Wie ein Laie im Schach räumt sie kurzsichtig die Bauern ab, um im Gegenzug ihre besten Figuren zu verlieren. Sie spielt das short game, dem der Weitblick für das Ganze fehlt. Ein solcher würde sich eben nicht einfach auf die ›großen‹ Prozesse richten, sondern beachten, wie die vielen ›kleinen‹ zusammenspielen.

Vertuschte Syndikalisierung: Die Tragik der Transformationsstudien

Ob dieses kategorischen, unterbestimmten Denkens über Prozesse gesellschaftlicher Veränderung scheint es begrüßenswert, dass nun eine vertiefende ›Transformationsforschung‹ im Entstehen ist. Beispielhaft hierfür seien Simon Sutterlütti und Stefan Meretz genannt, die neuerdings für einen Ansatz werben, der nicht auf die Abschaffung des Kapitalismus abzielt, etwa durch die Eroberung der staatlich-politischen Macht, sondern auf eine Revolution der sozialen Beziehungen.[17]Simon Sutterlütti & Stefan Meretz, Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken, Hamburg 2018. Im Mittelpunkt stehen dabei soziale Räume innerhalb der kapitalistischen Gegenwart, in denen die inklusive Logik utopischer Gesellschaftsformen schon enthalten sind. Diese »Keimformen« könnten als Grundlage einer neuen Gesellschaft dienen und den »Kapitalismus aufheben«. Damit ist wortwörtlich der Kern der syndikalistischen Praxistheorie umschrieben, und insofern könnte man nun gespannt sein, wie die Autoren diese weiter ausdifferenzieren. Doch statt an genau diese anzuknüpfen, erklären die Autoren die Keimformtheorie – wumm! – zu ihrer »eigenen«.[18]So im Interview mit Tomas Konicz, »‹Wir hoffen, dass ein wissenschaftliches Denken über Utopie möglich wird‹. Ein Gespräch über postkapitalistische Alternativen mit den Keimformbloggern und Buchautoren Simon Sutterlütti und Stefan Meretz«, auf: heise.de, 31. Juli 2018 (online hier). Auch ihr Verlag betont, dass es sich um »neue Theorieansätze« handele.[19]Siehe hier. Auf diese Weise werden einfach mal 150 Jahre Keimformtheorie und -praxis beseitigt. Für eine Theoriebildung, die behauptet, mit Bestehendem nicht einfach brechen, sondern neue Beziehungen da heraus entwickeln zu wollen, verheißt das nichts Gutes.

Was aber treibt Sutterlütti und Meretz dazu, den syndikalistischen Kernbestand derart arglos zu usurpieren? Dass jemand, der sich Revolutionstheorien widmet, nicht im Bilde sein soll, dass die Keimformtheorie (auch »Embryo-Theorie« genannt) den Ausgangspunkt langer Kontroversen in der Arbeiterbewegung darstellt,[20]Siehe dazu grundsätzlich Lucien van der Walt & Michael Schmidt, Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus und Syndikalismus, Hamburg 2013. ist eigentlich kaum zu glauben. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die vorgebrachten Schlagwörter nichts anderes als eine Paraphrasierung der syndikalistischen Leitidee sind, dass ›die neue Gesellschaft in der Schale der alten aufzubauen‹ sei. Der mildeste Vorwurf wäre wohl noch, dass die Autoren von Ideengeschichte wenig Ahnung haben und sich von anderen Usurpatoren haben anstiften lassen. Für jemanden, der beansprucht, den historischen Widerspruch zwischen Reform und Revolution zu lösen, ist das zwar nicht rühmlich, aber es wäre zumindest erklärbar. Denn zuletzt gab es eine Reihe marxistischer Theoretiker, welche die Verwirrung der Ideen vorbereitet haben, darunter Erik Olin Wright, der von den Autoren als maßgebliche Inspirationsquelle genannt wird. In Reale Utopien entwarf dieser 2010 eine egalitär-sozialistische Transformationsperspektive, die sich wie eine Bilanz syndikalistischer Debatten liest.[21]Erik Olin Wright, Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus, Berlin 2017 (englische Originalausgabe 2010). Nur, dass der Syndikalismus keine Erwähnung findet – allenfalls ein paar »Intuitionen des zeitgenössischen Anarchismus« finden beiläufig Würdigung.[22]Ebd., S. 12.

Bei Wright werden wir jedenfalls schlauer, wie es zu der Vertuschung kommt. So bestimmt er drei Transformationselemente, die bisher nebeneinander bestanden hätten und von ihm zu einer Gesamtperspektive austariert werden: den revolutionären Bruch, den Aufbau von Freiraum und die reformerische Symbiose – wobei er den Anarchismus auf die Freiraumstrategie reduziert. In diesem Modell, das auch von Sutterlütti und Meretz angeführt wird, steckt ein grundlegender Fehler: Zwar ist es richtig, dass sich der Neo-Anarchismus ab 1968 vorwiegend auf Freiräume beschränkte, doch der klassische Massenanarchismus, insbesondere in Form des Syndikalismus, dem noch heute die größten anarchistischen Organisationen zuzurechnen sind, hatte immer schon alle drei Elemente zusammengedacht.[23]Neben der autonomen Organisierung und dem Aufbau alternativer Strukturen (Freiraum), richteten SyndikalistInnen durchaus Reformforderungen an den Staat und/oder agierten partiell im Rahmen gesetzlich geregelter Arbeitsbeziehungen (Symbiose), dabei mit wachsender Gegenmacht auf einen radikalen Ordnungswandel hinarbeitend, gegebenenfalls mit einer finalen Konfrontation (Bruch). Ebenso falsch ist auch Wrights Behauptung, seine Sozialismuskonzeption sei nicht mit Anarchismus zu verwechseln, weil sie Spielregeln und Koordinationsmechanismen vorsehe, während AnarchistInnen sich vorstellten, dass sich eine neue Ordnung rein spontan errichte und erhalte.[24]Siehe ebd., S. 216. Auch das ist nur eine Vorstellung des recht vulgären Neo-Anarchismus. Gerade der Syndikalismus ging stets von einem geordneten Übergang zu einer dezentralen Planwirtschaft in einem föderalen Gemeinwesen aus. Je nach Staatsdefinition lässt sich das sogar als Form staatlicher Ordnung bezeichnen.[25]Überhaupt ist die klassisch-anarchistische Staatskritik häufig als plumper Anti-Etatismus missverstanden. Wenn z.B. Michail Bakunin gegen Staatlichkeit ansprach, dann hatte er dabei vor allem den preußischen Zentralstaat militärischer Prägung vor Augen – und nicht jedwede administrativ-politischen Überbau, der öffentliche Angelegenheiten verwaltet und koordiniert. Dass jener Kritik ein ganz anderes Staatsverständnis zugrunde liegt als im Neo-Anarchismus, der häufig jegliche Repräsentanz und öffentliche Kontrolle ablehnt, zeigt sich auch darin, dass Bakunin in seiner Skizze einer revolutionären Gesellschaft unter anderem Verfassungen, Parlamente und Gerichte vorsah; siehe Michail Bakunin, »Prinzipien und Organisation der internationalen revolutionären Gesellschaft« (1866) in: ders., Gesammelte Werke, Bd. 3, West-Berlin 1975 (Neuauflage des Originals von 1924, hgg. v. Max Nettlau), S. 7–29. Der klassische Massenanarchismus stand also keineswegs für die Vision einer spontanen Ordnung; er definierte sich vor allem in Abgrenzung vom Marxismus als ein Sozialismus von unten, der die Organismen sozialer Bewegungen zu einem wirtschaftlich-politischen System ausbaut statt diese einem Parteienkonstrukt unterzuordnen, das die staatliche Macht übernehmen soll. In dieser Strategie für eine Transformation jenseits des bestehenden Staates bestand vor allem das ›anti-staatliche‹ Moment.

Wrights Modell basiert also auf Differenzbestimmungen sozialistischer Traditionen, die wenig mit den tatsächlichen historischen Erscheinungen zu tun haben. Insbesondere der Anarchismus scheint nur als verstümmelte Karikatur auf, während seine bedeutendste Variante, der Syndikalismus, ganz ausgeblendet wird. Eine ähnliche Unkenntnis ließ sich schon bei Antonio Negri und Michael Hardt beobachten. Noch bevor John Holloway es 2002 zur neuen marxistischen Devise erklärte, dass die Welt zu verändern sei, »ohne die Macht zu übernehmen«,[26]John Holloway, Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen, Münster 2002. legten sie 2000 mit Empire das Fundament für eine Perspektive transformatorischer Gegenmacht, bei der sie sich aus dem Baukasten des Syndikalismus bedienten.[27]Antonio Negri & Michael Hardt, Empire – die neue Weltordnung, Frankfurt a.M. 2002 (englische Originalausgabe 2000). Wie Wright fühlten auch sie sich genötigt festzustellen, dass ihr Entwurf zwar dem Anarchismus zum Verwechseln ähnlichsehe, er aber keiner sei, weil sie »vom Standpunkt einer Materialität aus argumentieren«.[28]Ebd., S. 358. Das ist, um es deutlich zu sagen, blanker Unfug. Die Spaltung zwischen Marxismus und Anarchismus vollzog sich ja gerade anhand der strategischen Frage, ob die politische Macht zu erobern oder eine soziale Revolution von unten zu machen sei. Die AnarchistInnen der Ersten Internationale waren dabei ebenso wie die folgenden SyndikalistInnen Freunde des Materialismus, wollten diesen aber auch durch eine Institutionen- und Kulturkritik ergänzt wissen.[29]Vgl. Van der Walt & Schmidt, Schwarze Flamme, S. 49–107.

Diese Erweiterung haben viele MarxistInnen seit 1968 dann auch vollzogen – und, da sich daraus ein anderer analytischer Blick ergibt, indessen auch dieselben strategischen Konsequenzen gezogen. Eigentlich handelt es sich damit gar nicht mehr um Marxismus. Übrig ist nur noch eine gespaltene, fragile Identität: Man bildet sich eine theoretische Besonderheit ein, die aus einer speziellen (und damit grundsätzlich bornierten) Variante von Materialismus resultieren soll, geknüpft an die Fetischisierung eines Denkers, der die Ausrichtung der heutigen ›MarxistInnen‹ selbst unversöhnlich bekämpft hatte.[30]So hört man etwa häufiger, was AnarchistInnen von MarxistInnen lernen könnten, wäre, ganz allgemein, deren theoretische Tüchtigkeit. Was das in der politischen Konsequenz bedeutet, scheint aber völlig flexibel zu sein. Bei einem von Michael Brie herausgegebenen VSA-Buch heißt es etwa: »Der Marxismus lebt durch seine Transformationen und er lebt nur dadurch, dass er sich als Denken bewährt, das emanzipativ in die großen Krisen einzugreifen vermag« (siehe hier). Demnach könnte der Marxismus letztlich alles sein, wo ihn das Denken hinführt. Das aber macht den Marxismus-Begriff, der eben ein bestimmte politische Variante des Sozialismus bezeichnet, völlig beliebig – und damit auch die Bezeichnungen anderer Sozialismen, die davon abzugrenzen sind. Die Bezugnahme auf die Marxsche Philosophie reicht zumindest nicht aus, um einen politischen Ismus zu begründen. Allenfalls rechtfertigt das, von MarxianerInnen oder MarxologInnen zu sprechen. Wer jedenfalls einen partizipatorischen Sozialismus gutheißt, der durch eine präfigurative Transformationsstrategie von unten realisiert werden soll, ist, wenn man historisch-konsistent ist, per definitionem AnarchistIn oder SyndikalistIn – auch wenn die eigene Identität das nicht wahrhaben will. Das wäre ohnehin eine sympathischere Selbstbezeichnung, als mit dem Begriff des Marxismus zum Ausdruck zu bringen, dass man seine Identität auf die Worte eines Art Säulenheiligen gründet. So eine personalisierte Einengung des ideologischen Fundaments drückt semantisch eben Engstirnigkeit, wenn nicht sogar Sektierertum aus. Bei dieser Feststellung geht es keineswegs um einen ideologischen Putzfimmel, sondern um die Probleme, die folgen, wenn Begriffe, die immer auch Realität schneiden, nicht konsistent gehandhabt werden. So werden ja gerade durch jene krude Identität – das zeigen Wright, Negri und Hardt mit ihrer Anarchismus-Abgrenzung –, unnötige Trennlinien gezogen, die eine linke Konvergenz trotz erheblicher Überschneidungen erschweren. Und zugleich verengt es die Potentiale der Theoriebildung. So ist der neue ›Marxismus‹ durch die Vertuschung seines syndikalistischen Gehalts zur Farce gezwungen, um mit Marx selbst zu sprechen. Denn wo er die Kontinuität der Ideen nicht herstellt, wird der Blick auf theoretische Erkenntnisse aus der Geschichte verstellt, deren Herstellung nun mühselig wiederholt wird.

Nehmen wir etwa Bini Adamczaks Beziehungsweise Revolution, das zurzeit viel Lob erhält, weil es linke Revolutionstheorie erneuere.[31]Bini Adamczak, Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende, Berlin 2017. Die marxistische Autorin kommt darin zu der Vermutung, dass die Linke »immer schon … in einer spezifischen Fixierung auf das übermächtige Gegenüber« gefangen gewesen sei, was sie dazu verleitet habe, Revolution vor allem negativ als Destruktion der bürgerlichen Gesellschaft zu denken.[32]Ebd., S. 97–98. Sie plädiert nun dafür, »Revolution primär als Transformation, mehr noch als Konstruktion aufzufassen«,[33]Ebd., S. 98. womit gemeint ist, an der Wirklichkeit zu arbeiten, die der revolutionären Möglichkeit im Wege steht. Genauer: Durch den Aufbau neuer Beziehungsweisen soll der Utopie Vorschub geleistet werden. Auch das kann nur als neue Lesart von Revolution erscheinen, wenn man die Kartographierung revolutionärer Theorie und Praxis vorwiegend auf den marxistischen Literaturkanon stützt. Im Syndikalismus war das jedenfalls stets Usus. Karl Korsch stellte nicht umsonst 1912 fest, dass der Marxismus nur die »negative« Seite des Sozialismus (Abschaffung des Kapitalismus) benannt habe; die »positive« Seite erblickte er u.a. im Syndikalismus mit seinem konstruktiven Revolutionsmodell.[34]Siehe Karl Korsch, »Die sozialistische Formel für die Organisation der Volkswirtschaft« (1912), in: ders., Politische Texte, hgg. v. Erich Gerlach & Jürgen Seifert, Frankfurt a.M. 1971, S. 17–21. Für eine Wiederbelebung revolutionärer Praxis, erklärte der Ex-Marxist schließlich 1950, sei es nötig, mit der Überhöhung marxistischer Theorie zu brechen – und auf andere Wege des Sozialismus zu setzen.[35]Siehe Karl Korsch, »Zehn Thesen über Marxismus heute«, in: ders., Politische Texte, S. 385–387.

The Long Game: 150 Jahre realutopische Keimformtheorien

Das scheint indes zu geschehen, wenn auch nicht nominell – was zugleich eine Erklärung dafür sein mag, warum es so lange dauerte: Die Identität vieler Linker erschwerte es, sich direkt auf nicht-marxistische Traditionen zu beziehen. Dafür bedurfte es mancher »backdoor moves«, die eine schrittweise Konvergenz ermöglichen.[36]So wird in der Frame-Analyse die Diffusion von Ideen bezeichnet, die über Umwege in einen anderen Kontext gelangen; siehe Shareen Hertel, Unexpected Power. Conflict and Change among Transnational Activists, Ithaca 2006, S. 8. Transformativ wirkte dabei etwa der Zapatismus, der anarchistische Grundsätze inkorporierte und sie Anfang der 2000er Jahre in der Linken salonfähiger machte,[37]Holloway etwa wurde maßgeblich durch den Zapatismus inspiriert. oder neuerdings der Demokratische Konföderalismus, mit dem anarchistische Ideen des Kommunalismus auf den kurdischen Kontext übertragen wurden, die über die Kurdistan-Solidarität auch in die westliche Linke eindrangen.[38]Siehe grundsätzlich Abdullah Öcalan, Demokratischer Konföderalismus, Neuss 2012. Aber auch die Solidarische Ökonomie mag dazu beigetragen haben. Angeregt insbesondere von Beispielen in Lateinamerika, wo die Organisationspraxen der Arbeiterbewegung stets einen syndikalistischen Gehalt hatten, schwappte so auch deren impliziter Charakter über.[39]Vgl. Holger Marcks, »Strategie der Nische. Solidarische Ökonomie zwischen Hoffnung und Illusion«, in: Direkte Aktion, Nr. 179, Jan./Feb. 2007. Auch neuere Begriffssetzungen tragen zur Vernebelung originär anarchistischer Ansätze bei, wie etwa »Horizontalismus«, womit eine basisdemokratische Praxis der »Alltagsrevolutionen« beschrieben wird,[40]Es ist mittlerweile in Mode gekommen, partizipatorische und hierarchiearme Strukturen als ›horizontal‹ zu bezeichnen, im Kontrast zu ›vertikalen‹ Strukturen, die repräsentativ und hierarchisch funktionieren. In seiner ›extremsten‹, also anarchischsten Form ist der Horizontalismus nur noch ein spontaner, offener sozialer Prozess, bei dem jegliche Asymmetrie unter den Teilnehmenden abgelehnt wird. Vgl. Marina Sitrin, Everyday Revolutions. Horizontalism and Autonomy in Argentina, London & New York 2012; sowie Marina Sitrin & Dario Azzellini, They Can’t Represent Us! Reinventing Democracy from Greece to Occupy, London 2014. Wir werden im dritten Teil dieser Artikelserie noch sehen, dass das auch zu politischen Widersprüchen und sozialer Exklusion führen kann. oder der Begriff der »präfigurativen Politik«, der Ansätze meint, welche die Gesellschaft der Zukunft in den Praxen der Gegenwart vorwegnehmen: Keimformpolitik eben, also Syndikalismus.[41]Auch dieser Begriff ist mittlerweile in Mode gekommen, insbesondere im englischsprachigen Raum, und dabei häufig von ihren politischen UrheberInnen entkoppelt. Eingeführt wurde er allerdings bereits 1977 von Carl Boggs, der immerhin anerkennt, dass diese Form von Politik auf die anarchistische und syndikalistische Bewegung zurückzuführen ist und vom Marxismus bekämpft wurde. Siehe Carl Boggs, »Marxism, Prefigurative Communism, and the Problem of Workers’ Control«, in: Radical America, Nr. 6, Jg. 11 (1977), S. 99–122.

Allerdings lässt sich die Vertuschung des Syndikalismus nicht allein auf eine »marxistische Geschichtslosigkeit« zurückführen, wie sie Philippe Kellermann richtigerweise feststellt.[42]Siehe Philippe Kellermann, Marxistische Geschichtslosigkeit. Von Verdrängung, Unwissenheit und Denunziation: Die (Nicht-)Rezeption des Anarchismus im zeitgenössischen Marxismus, Lich 2011. Es gibt weitere Verschleierungsmechanismen in der Linken, die eine Konsistenz der Ideen erschweren.[43]Dazu gehört auch der allgemein schlechte Stil, Quellen aufgegriffener Ideen häufig nicht zu benennen, sei es aus Nachlässigkeit oder gar Missgunst. So lässt sich feststellen, dass viele Positionen, mit denen die Direkte Aktion vor zehn Jahren so gut wie alleine dastand, heute gängig in linken Magazinen sind. Die Ideen des Syndikalismus sind also diffundiert, wie man in der Normenforschung sagt; und solche Diffusion vollzieht sich eben häufig mittelbar, durch sogenannte »broker«, die zwischen den Kontexten stehen und Ideen weiterreichen.[44]Siehe Rebecca Kolins Givan, Kenneth M. Roberts & Sarah A. Soule, »Introduction: The Dimensions of Diffusion«, in: dies. (Hg.), The Diffusion of Social Movements. Actors Mechanisms, and Political Effects, Cambridge u.a. 2006, S. 1–17. Ihre Ursprünge werden so verschleiert, wobei dies auch durch Zustände im Gegenwartssyndikalismus verstärkt wird, der sich, einer Marotte des Neo-Anarchismus folgend, sehr anonym gibt und allergisch darauf reagiert, wenn sich Gesichter und Köpfe der Bewegung exponieren. Mit dieser Variante des »Bilderverbots« bringt er kaum Personen hervor,[45]Adamczak spricht allegorisch von »Bilderverbot«, um eine politische Rationalität zu beschreiben, die es ablehnt, utopische Vorstellungen auszumalen. Hier meint es buchstäblich die weit verbreitete Attitüde in der anti-autoritären Linken, Personen der Bewegung nicht abbilden bzw. nicht öffentlich positionieren zu wollen. die mit seinen Ideen identifizierbar wären. Zugleich – und hier trifft das verbliebene Abgrenzungsmerkmal der marxistischen Identität tatsächlich zu – waren AnarchistInnen und SyndikalistInnen in den letzten Jahrzehnten nicht sonderlich auffällig in theoretischen Diskursen. Ihre Geschichte und Theorie kennen sie selbst nur in Bruchstücken, während Weiterentwicklungen selten sind.

Umso ärgerlicher ist die historische Diskontinuität, die durch neuere Transformationstheorien geschaffen wurde. Dann dadurch, dass sie eine »Beziehung der Beziehungslosigkeit« zum Syndikalismus einnehmen,[46]So beschreibt Jaeggi den Zustand der Entfremdung, der eine »Beeinträchtigung von Aneignungsvollzügen« mit sich bringe, da ein gestörtes Verhältnis zu der (Lebens-)Welt vorliegt, die es auszugestalten gilt. Siehe generell Rahel Jaeggi, Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems, Frankfurt a.M. & New York 2005. entsteht eine Entfremdung von dessen Erfahrungskanon, die gleich zweifach nicht konstruktiv ist. Zum einen kommen so die durchaus guten Erwägungen keiner Aktualisierung des Syndikalismus zugute, die durchaus erforderlich wäre. Zum anderen lässt diese Neuerfindung des Rades praktisches Wissen über Kontexte und Effekte transformatorischer Politik außer Acht. Dadurch tappen die Theorien nicht nur im Dunkeln bei Fragen, die eigentlich schon erhellt wurden, sondern laufen auch Gefahr, Fehler des Syndikalismus zu wiederholen. Sutterlütti und Meretz etwa liefern zwar ein soziologisches Erklärungsmodell, wie alternative Strukturen bestehende Institutionen der Gesellschaft ablösen können, wie dies konkret, also strategisch zu füllen wäre, können sie jedoch mangels empirischer Erfahrung nicht beantworten, bleiben somit abstrakt. Aufgrund desselben Mangels schießt auch Wright, der fast schon ein Programm der Transformation vorlegt, nur ins Blaue. Hardt und Negri wiederum bewegen sich, wie auch – in geringerem Maße – Adamczak, oft im Bereich des Kryptischen, indem sie die Debatte mit akademischen Begriffen und Denkübungen anreichern, ohne etwas Konkretes beizusteuern.

All diesen Theoretisierungen hätte eine konstruktive Beziehungsweise zu syndikalistischer Theorie und Praxis gutgetan. Damit würde es ein besseres Bewusstsein über Probleme und Grenzen der Transformation geben, die, auch wenn sie softer als Umsturzabsichten daherkommt, heftige Reaktionen hervorrufen kann, mit denen strategisch umgegangen werden muss. Auch würde damit klar sein, dass gerade Keimformansätze, wenn sie der komplexen Aufgabe sozialer Reorganisation gerecht werden sollen, viel Expertise über Organisationsstrukturen und institutionelle Logiken erfordern. Und das fängt schon dabei an, wie sich emanzipatorische Strukturen gegen autoritäre Kooptation oder Degeneration schützen lassen. Genau damit hatte der Syndikalismus von Beginn an Erfahrungen machen müssen. Immerhin hat er seinen Ursprung in der Ersten Internationale (1864–1877), in der sich verschiedene Arbeiterassoziationen (Gewerkschaften) eine föderale Struktur gegeben haben, in der die Initiative bei der Basis lag. Diese Konstitution versuchte der Generalrat um Karl Marx zu beseitigen und stattdessen ein zentralistisches Parteienmodell zu verordnen. Im Zuge dieses Putsches von oben wandte sich fast die komplette Internationale von Marx ab, um den Föderalismus wiederherzustellen. Dennoch war durch die Spaltung der Niedergang der Internationale eingeleitet.[47]Siehe Holger Marcks, »Auf Kriegsfuß mit Bakunin. Karl Marx und die Spaltung der Ersten Internationale«, in: Beatrix Bouvier & Rainer Auts (Hg.), Karl Marx 1818–1883. Leben – Werk – Zeit, Stuttgart 2018, S. 316–324.

Es ist diese Erfahrung, die zu einer anti-autoritären Sensibilisierung in der Arbeiterbewegung führte, über die sich der Anarchismus im Kontrast zum Marxismus ausdifferenzierte. Dies mündete ab den 1890ern in der Ausformulierung des syndikalistischen Ansatzes. Er stützte sich auf die ›natürliche‹ Organisationsform der Arbeiterklasse, nämlich Gewerkschaften, und war insofern »das Resultat einer langen Praxis, die durch die Verhältnisse geschaffen wurde«.[48]So Viktor Griffuelhes, zitiert bei: Hansi Oostinga, »‹Wir kriegen nur, wofür wir kämpfen!‹ Anarchosyndikalismus heute«, in: Hans Jürgen Degen & Jochen Knoblauch (Hg.), Anarchismus 2.0. Eine Einführung, Stuttgart 2009, S. 41–55, hier S. 43. Anders als der Marxismus nahm er sie in ihrer Funktion als »eigentliche Arbeiterbewegung«, wie Friedrich Engels einst die ökonomischen Kampforganisationen der Arbeiterklasse nannte, ernst. Als autonome »Partei der Arbeit« sollten sie eine parteipolitische Strategie zur staatlichen Machteroberung überflüssig machen und zur Schule der Revolution gemacht werden.[49]Siehe grundsätzlich Émile Pouget, Le Parti du Travail, Paris 1997 [Original von 1905]. Das bedeutete, »an der Veränderung der Mentalitäten, der Gesellschaftsformen und der wirtschaftlichen Beziehungen« zu arbeiten,[50]Ebd., S. 209. also das, was Adamczak als »Abtragen« der Realität bezeichnet, die der Utopie im Wege steht.[51]Adamczak, Beziehungsweise, S. 99. Damit war der Syndikalismus grundsätzlich materialistisch geerdet, betonte aber auch ein voluntaristisches Moment. Es galt, aus den materiellen Gegebenheiten heraus zu agieren, diese aber auch strategisch zu verändern. Wenn die materielle Basis einer Gesellschaft ihren Überbau prägt, so musste eben die Basis transformiert werden.[52]Orientiert man sich an Marx´ Basis-Überbau-Schema, wonach die ökonomische Basis den Überbau einer Gesellschaft bestimme, so lässt sich getrost behaupten, die SyndikalistInnen haben die Revolutionstheorie des Marxismus – wonach der Staat erobert werden müsse, um die ökonomische Basis umzugestalten – vom Kopf auf die Füße gestellt. Dies markiert denn auch den Unterschied zwischen dem Konzept einer sozialen und einer politischen Revolution. Tatsächlich hat z.B. auch Lenin seine Differenz zur klassischen Sozialdemokratie im Wesentlichen nur als eine taktische Frage auf dem Weg zum Sozialismus verstanden. Die Strategie (Eroberung der politischen Macht) sah er in beiden Flügeln unverändert, wobei er diese Strategie klar von der sozialrevolutionären des »Linksradikalismus« (u.a. Syndikalismus) abgrenzte.

Den SyndikalistInnen griff also der »äußerliche Ansatz« des Marxismus zu kurz.[53]Pouget, Parti du Travail, S. 209. Sie wollten in die Tiefe der materiellen Basis vorstoßen und das long game spielen. Und diese Langzeitstrategie lief auf die bakunistische Position hinaus, dass der Kapitalismus durch einen »universellen Zusammenschluss freier landwirtschaftlicher und industrieller Vereinigungen« aufgehoben werden soll, der auch die administrativen Funktionen des Staates übernimmt.[54]Michail Bakunin, »Programm und Statuten der Allianz der sozialistischen Demokratie« (1870), in: ders., Ausgewählte Schriften, Bd. 6.2, hgg. v. Wolfgang Eckhardt, Berlin 2011, S. 832–835, hier S. 833. Auf das Problem der Institutionen in der anarchistischen Transformationsperspektive werden wir im zweiten Teil der Artikelserie eingehen. Verknüpft wurde dieses Ziel mit dem Gedanken der ›Propaganda der Tat‹, der ursprünglich – bevor das Konzept terroristisch interpretiert wurde – davon handelte, die Menschen den Sozialismus durch Praxisbeispiele »sehen, fühlen, berühren zu lassen«.[55]Paul Brousse, »La propaganda par le fait«, in: Bulletin de la Fédération Jurasienne, 5. August 1877. Vgl. dazu auch Holger Marcks, »Pfade in die Gewalt. Individuelle und kollektive Militanz im strategischen Denken des Anarchismus«, in: Phase 2, Nr. 50, Frühjahr 2015 (online hier). Über diese illustrative Funktion hinaus sollten soziale Selbstorganisationen die Grundlage einer neuen Gesellschaft bieten. Getreu der Embryo-Theorie, dass die Ziele stets in den Mitteln enthalten sein müssen – neulinks ›präfigurative Politik‹ genannt –, sollte genau das erfolgen, was Wright als neues Programm ausgibt: der Aufbau und die Ausweitung horizontaler Räume, also »realer Utopien«, innerhalb kapitalistischer Wirtschaften. Genau dieses keimformtheoretische Programm wurde in der Internationale bereits 1869 auf dem Baseler Kongress diskutiert und von den SyndikalistInnen wieder aufgegriffen und ins Werk gesetzt.[56]Gut wiedergegeben bei Fritz Brupbacher, Marx und Bakunin. Ein Beitrag zur Geschichte der Internationalen Arbeiterassoziation, West-Berlin 1976 [Original von 1913], S. 76 ff. Der Marxismus bekämpfte dies von Anfang an.

Das Ei des Kolumbus: Interessenorganisationen als Zugangsvehikel

Tatsächlich gelang es dem Syndikalismus, der in vielen Ländern dominierend in der Arbeiterbewegung war, bevor diese nach der Russischen Revolution von 1917 eine autoritäre Wende vollzog, vielerorts revolutionäre Bewegungen aufzubauen. Allerdings hatte dabei das Element des revolutionären Bruchs immer noch ein starkes Gewicht, wie auch der syndikalistische fiktive Roman Wie wir die Revolution machten zeigt.[57]Émile Pataud & Émile Pouget, Das letzte Gefecht, Berlin 1930 (übersetzt von Rudolf Rocker). Französisches Original: Comment nous ferons la revolution, Paris 1909. Trotz aller Keimformpraxis konnte man sich die Transformation ohne ein »letztes Gefecht«, etwa einen aufständischen Generalstreik, nicht vorstellen.[58]Das war auch dadurch bedingt, dass der (syndikalistische) Massenanarchismus nie ganz frei war von insurrektionalistischen Elementen in seinen Reihen, die Alexander Schapiro als eine Art Anarchismus in den Kinderschuhen kritisierte. Siehe Alexander Schapiro, »La reconstrucción económica«, in: Solidarida Obrera, 25. März, 31. März u. 8. Apr. 1932. Zum Teil war das berechtigt. Denn mit dem Wachsen der Gegenmacht mobilisierte das verunsicherte Bürgertum in der Regel auch schon vor einem Aufstand zur gewaltsamen Reaktion. In jedem Falle konnten sich die SyndikalistInnen in der direkten Konfrontation mit dieser nie durchsetzen.[59]Das Problem von Aufstand und Reaktion wird im vierten Teil der Artikelserie eingehender behandelt. Diese Erfahrung veranlasste TheoretikerInnen der Bewegung in den 1920ern zu Überlegungen, wie der Weg vom syndikalistischen Organismus zur neuen Gesellschaft auch ohne aufständisches Moment beschritten werden könnte. In der FAUD führte man daher eine Debatte über »konstruktiven Sozialismus«,[60]Die Debatte fand im Theoriemagazin der FAUD (Die Internationale – Zeitschrift für die revolutionäre Arbeiterbewegung, Gesellschaftskritik und sozialistischen Neuaufbau) statt. Für den Initialartikel siehe Rudolf Rocker, »Konstruktiver Sozialismus«, in: Die Internationale, Nr. 1, Jg. 1 (1927). die zu einer weiteren Konkretisierung der Keimformtheorie führte. Dabei wurden umfassende soziale Gegeninstitutionen angedacht, mit denen ein geordneter Übergang zum Sozialismus möglich wäre.[61]Eine frühere Fundierung findet sich bereits bei: Studienkommission der Berliner Arbeiterbörsen & Franz Barwich, »Das ist Syndikalismus«. Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus, Frankfurt a.M. 2005 (Original von 1923).

Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 in Deutschland und der Niederlage der SyndikalistInnen im Spanischen Bürgerkrieg 1939 riss diese Theoriebildung dann ab. Es wäre Aufgabe heutiger Transformationstheorien, genau hieran wieder anzuknüpfen. Dabei wäre insbesondere zu eruieren, wie eine allgemeine Verunsicherung und Probleme des Aufstands zu vermeiden sind, ohne in Wirkungslosigkeit oder Systemintegration zu enden. Es ginge also um die richtige Gewichtung der Wrightschen Elemente. Albert Camus hatte bereits 1951 dargelegt, dass es das Werk des Syndikalismus sei, das richtige »Maß« zu finden.[62]Siehe grundsätzlich Albert Camus, Der Mensch in der Revolte, Reinbek b.H. 1969 (Original von 1951), insbes. S. 226–248. Grundsätzlich sei dieser, dem er das »mittelmeerische Denken« zuordnet, dazu mehr in der Lage als der Marxismus, der mit seiner »deutschen Ideologie« dazu neige, die Utopie mit Gewalt in die Wirklichkeit zu drängen. Bei der menschlichen Emanzipation habe man sich aber nicht an abstrakten Notwendigkeiten, sondern immer konkreten Möglichkeiten zu orientieren.[63]Siehe ebd., S. 241–244. Im selben Sinne sprach Alexander Schapiro davor schon von einer »bewussten Rebellion«, bei der es situativ darum ginge, das revolutionäre Programm »permanent zu maximalisieren und das Endziel der ›integralen‹ Emanzipation nie zu beschränken«.[64]So wiedergegeben in Jaap Klostermanns Einleitung zu Alexander Schapiros »Bericht über die Confederación Nacional del Trabajo (CNT) und den Aufstand in Spanien im Januar 1933«, in: Claudio Pozzoli (Hg.) Faschismus und Kapitalismus (= Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 4), Frankfurt a.M. 1976, S. 159–170, hier S. 168. Und Rudolf Rocker verwies ohnehin häufig darauf, dass die Gelegenheiten einer Zeit und die jeweils anstehenden Aufgaben richtig identifiziert werden müssten.[65]Sehr pointiert etwa in seiner Schlussrede zum Kongress der FvdG 1919: »Große Zeiten kommen manchmal und finden kleine Menschen. Dann, wenn die Gelegenheit verpaßt wird, geht das unter, was uns groß und mächtig machen konnte«; FvdG, Protokoll über die Verhandlungen vom 12. Kongreß der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften. Abgehalten am 27., 28., 29. und 30. Dezember 1919 zu Berlin, in der Aula der Luisenstädtischen Oberrealschule, Dresdener Str. 113, Berlin 1920, S. 93.

All das sind Ausdrucksweisen der Pougetschen Maxime, dass revolutionäre Arbeit zu machen ist, »ohne die Gegenwart der Zukunft oder die Zukunft der Gegenwart zu opfern«.[66]Émile Pouget, zitiert bei: Oostinga, »Wir kriegen nur«, S. 42. Es geht gewissermaßen um ein revolutionäres Taktgefühl, bei dem situativ zwischen Realität und Utopie vermittelt wird. Genau in dieser strategischen Frage, die zuallererst immer die angemessenen Organisationsformen betrifft, stehen die neuen Transformationstheorien auf dem Schlauch. Sutterlütti und Meretz etwa bekennen selbst, dass sie unschlüssig sind, was die Keimformen einer neuen Gesellschaft sein sollen, sind sich aber immerhin sicher, dass dies nicht aus der Vernetzung bestehender Nischenprojekte erfolgen kann.[67]Siehe Interview mit Konicz. Auch Hardt weiß in einem arranca!-Interview kaum etwas Konkretes zu dieser Frage zu sagen, stellt aber zumindest klar, dass etwa die in der Linken gefeierten Platzbesetzungen Anfang der 2010er Jahre viel zu spontan und unmittelbar seien, um nützlich für den konstituierenden Prozess zur Reorganisationen einer komplexen Gesellschaft zu sein. Ein solcher erfordere nun mal, »dass im großen Stil neue und dauerhafte soziale Beziehungen und Institutionen geschaffen werden«.[68]Michael Hardt im Interview mit Ben Trott, »Von destituierenden Bewegungen zu konstituierender Macht«, in: arranca!, Nr. 47, November 2013 (online hier). Wenn er das auch nicht konkret zu füllen vermag, so teilt er damit die Imagination des Syndikalismus, dem die spontaneistischen und unterkomplexen Illusionen etwa des Neo-Anarchismus ebenso fremd sind.

Womöglich ist es die fragile marxistische Identität, die davon abhält, das Ei des Kolumbus anzufassen. Gerade, wenn es darum geht, den Kapitalismus von unten zu »erodieren«, wie es Wright nennt, dann sind sozio-ökonomische Interessen- und Selbstverwaltungsstrukturen noch immer die naheliegendsten Organisationsformen. Wäre das aber ausgesprochen, wäre man auch nominell im syndikalistischen Lager angekommen. Und zugleich müsste man damit von dem marxistischen Dogma von der Gewerkschaftseinheit Abstand nehmen und alternative Gewerkschaften befürworten. Denn dass die etablierten Gewerkschaften mit ihren hierarchischen Zentralapparaten als Keimformen einer egalitär-sozialistischen Gesellschaft dienen könnten, würde wohl kaum jemand behaupten. In Konsequenz müssten dann auch der Rede von der »Konstruktion« Taten folgen, könnte nicht weiter auf die fromme Hoffnung gebaut werden, dass eine Transformationsbewegung unmittelbar »organisch« entstünde. Denn natürlich geht es zwar um einen sozio-ökonomischen Organismus, der mit dem echten Leben harmoniert, doch ein solcher muss mittelbar von fähigen AktivistInnen durchdacht und aufgebaut werden – samt Regeln und Verfahren, die eine komplexe soziale Ordnung erfordert. Auch die problematischen Seiten menschlichen Lebens müssen eben antizipiert und berücksichtigt werden.[69]Organisationssoziologie und Bewegungsforschung bieten hierfür wichtiges Konstruktionswissen, das bisher von der Linken vernachlässigt wird.

Gewerkschaften sind dafür die geeignete Entwicklungsstätte, denn sie stellen ein besonderes »Zugangsvehikel« zur Realität dar.[70]So ein Begriff aus der Bewegungsforschung; Mayer N. Zald, »Ideologically Structured Action. An Enlarged Agenda for Social Movement Research«, in: Mobilization: An International Quarterly, Nr. 1, Jg. 5 (2000), S. 1–16, hier S. 9. Weil sie an den konkreten Interessen von Menschen ansetzen, sind sie ideologisch nicht so voraussetzungsreich und damit über eine enge politische Affinität hinaus attraktiv. Und zugleich können sie Grundlage einer dauerhaften sozialen Mobilisierung sein, die nicht so verweht wie eine Politgruppe.[71]Vgl. dazu Thomas Goes, »Gewerkschaften: Wieso weshalb warum«, auf: adamag.de, 27. Juni 2018 (online hier). Genau deswegen stützt sich der Syndikalismus auf die »konkreteste Wirklichkeit«, wie Camus sagt, und versucht, ihre lebenden Zellen in seine Strategie einzubinden.[72]Camus, Mensch in der Revolte, S. 241. Wie wirksam das sein kann, zeigt sich daran, dass der Anarchismus immer dort Massen erreichen konnte, wo er auf die Gewerkschaftsform setzte.[73]Siehe Holger Marcks, »Transnational ist besser. Stand und Perspektiven des Syndikalismus«, in: iz3w, Nr. 367, Juli/Aug. 2018 (online hier). Und dieses Vehikel kann durchaus revolutionäre Fahrt aufnehmen. Grundgedanke des Syndikalismus war es schon immer, noch bevor Negri und Hardt dies als ihre Theorie verkauften, die alltägliche Rebellion, die in sozialen Konflikten aufscheint, in einer Weise zu institutionalisieren, mit der sie ausgeweitet statt eingehegt wird. Entscheidend sind demnach weniger die Kämpfe an sich, sondern die Beziehungsweisen, die in ihrem Kontext geformt werden. Voraussetzung dafür ist, wie Schapiro einst darlegte, die Wechselwirkung zwischen alltäglichen Interessenkämpfen und der Entwicklung von Strukturen sozialer Reorganisation in den Mittelpunkt des Denkens zu stellen.[74]Siehe Alexander Schapiro, »Die Politik der Internationale«, in: Die Internationale, Nr. 7, Jg. 5, Juli 1932, S. 145–147.

Eine solche aufbauende Sozialtechnik sucht in den Verhältnissen Momente, die sich neu verknüpfen und zu einer Alternative transzendieren lassen. Dabei wäre es falsch, den Syndikalismus nur auf die Arbeitersphäre reduzieren. Entgegen des Vorurteils, er sei unzulänglich, weil er nur auf Betriebe fokussiere, schloss er in seiner Hochphase durchaus kommunalistische Strukturen ein, etwa Mieter- und Erwerbslosenhilfe, Konsumgenossenschaften sowie Bildungs- und Kulturvereine. Insofern deutete er ein umfassendes Modell sozialer Reorganisation an. Es wäre Aufgabe, dieses Modell nun deutlicher auszuprägen. Dabei könnte gerade eine Kombination verschiedener Interessen- und Selbstverwaltungsstrukturen den Unterbau für eine Gegengesellschaft bieten, deren sozialen Beziehungen die staatlichen und kapitalistischen Strukturen überschreiben. Derartige Transformationspolitik wäre eine glaubwürdige Vision für die Linke in einer Zeit, wo revolutionärer Eifer als destruktiv oder blauäugig gilt, zugleich aber die Unzufriedenheit mit Reformpolitik omnipräsent ist. Und es wäre eine Möglichkeit für die isolierte Linke, wieder Anschluss zu finden. Denn es bedarf heute erstmal wieder grundlegender Bemühungen im sozialen Handgemenge, damit sie ihre Glaubwürdigkeit zurückerhält. In diesem Sinne beginnt die Transformation der Gesellschaft mit der Transformation der Linken selbst.

Im zweiten Teil der Artikelreihe werden dann erste Bausteine eines gegengesellschaftlichen Unterbaus vorgestellt, die in der gegenwärtigen Lage resonanzfähig wären.

Ähnliche Artikel

8 Kommentare zu «Skizze eines konstruktiven Sozialismus (Teil 1)»

  1. hey,
    danke für den artikel, ich wollte dich auf eine projekt aus der praxis aufmerksam machen in dem ich aktiv bin und das mit der syndikalistischen idee und der unioncoop sehr viele gemeinsamkeiten hat. Dabei Handelt sich sich um FairCoop einen globalen netzwerk für kooperative ökonomie und selbstorganisation. Mehr informationen findest du hier. https://fair.coop/

    würde mich über deine meinung freuen

    gruß lolo

  2. Vielen Dank für den Artikel Holger und ich bin gespannt auf die Reihe. Ich hätte einige Anmerkungen und Fragen:

    # Zuerst mal würde ich sagen: Die Keimformtheorie hat wirklich eine eigene Theorietradition, die durchaus von Staatskritik und anarchistischen Versatzstücken durchzogen ist, aber v.a. wertkritisch ist, und verschweigt nicht ihr syndikalistisches theoretisches Fundament. Aber schön wenn diese Theorie zu ähnlichen Gedanken kommen und ja voll gut, vielleicht können sie voneinander lernen. Hierzu bräuchte ich deine Hilfe, weil ich in der anarchistisch-syndikalistischen Literatur bis jetzt nicht unbedingt Antworten auf die Fragen gefunden habe, die wir uns bei der Keimformtheorie stellen: Welche Literatur würdest du uns empfehlen? (bspw. »Das ist Syndikalismus«. Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus, Frankfurt a.M. 2005 (Original von 1923).?) .. um genauer zu werden:

    # Ich hab bei anarchistischen Autor*innen bis jetzt v.a. die Losung gefunden: Betriebsübernahme und (gewerkschaftlich organisierter) Klassenkampf. Aber wir betonen ja in unserem gesamten Buch, dass uns weniger die Innenbeziehungen der “Produktions-Commons” Sorgen machen als ihre gegenseitige Vermittlung. Genau diese Frage aber, wie aus den kleinen netten Projekten wirklich etwas Anderes wird ist im Zentrum unseres Keimformdiskurses und lässt sich meiner Meinung nach, nicht einfach mit “Klassenkampf” beantworten. Wir müssen uns die Frage stellen, wie in einem Transformationsprozess die neuen Formen der Vergesellschaftung gebildet werden können, und zwar nicht nur in den Betrieben, sondern zwischen Ihnen, wie können da Konflikte und Bedürfnisse mediiert werden, etc. Und vl geht es gar nicht von einem “Klein ins Große” sondern braucht eine mittlere Ebene, wie bspw. Benni Bärmann (keimform.de, seine letzten Artikel) vertritt. Wie denken anarcho-syndikalistische Autor*innen diese Transformation? Unser Buch stellt eine Frage und umreißt Antworten, aber das wars. Wir sind wirklich auf der Suche und wir laden Leute ein, da mit zu denken. Es ist für uns alle extrem wichtig.

    # Etwas verwundert mich der für mich etwas unkritische Bezug auf Erik Olin Wright. Auch wenn einige spannende Dinge in seinem Buch vorkommen: Er ist Marktsozialist (wie ich versuche im Bonuskapitel auf commonism.us eingehender darzulegen) – und das kann es ja wohl nicht sein, oder?

    Alles Liebe, Simon

    1. Moin Simon,

      danke für dein Feedback!

      Die Spezifika eurer Theorie sind mir nicht entgangen. Nichtsdestotrotz weist ihr ja nicht diese Spezifika als eure eigenen aus, sondern die Keimformtheorie als solche. Das ist zumindest unglücklich. Weil 95% der Grundgedanken eben schon lange existieren und breit diskutiert wurden; selbst das Vokabular ist zu großen Teilen identisch. M.E. wäre eine korrekte Darstellung eurer Denkweise, dass ihr euch Keimformtheorien zugewandt habt, die eine lange Tradition haben, insbesondere im Anarchismus/Syndikalismus, und diese um Aspekte der Wertkritik und kritischen Psychologie erweitert.

      Das mit der syndikalistischen Literatur ist jedenfalls ein Problem, da sie verschüttet ist oder schlecht von der anarchistischen Bewegung gepflegt wurde. Die wirklich guten AutorInnen sind ja kaum von dieser rezipiert worden. Und ihre Theorien lassen sich nicht so einfach nachlesen. Häufig sind sie verstreut in vielen Artikeln in alten (Theorie-)Zeitungen und finden sich nicht in einem komprimierten, prominenten Werk wider, was auch damit zu tun hat, dass sie meist auch tatsächlich AktivistInnen waren und daher keine Kapazitäten hatten, über solche seriellen Veröffentlichungen große Bände zu publizieren. Da muss noch Rekonstruktionsarbeit geleistet werden. Ansätze gibt es etwa bei Jaap Klostermann im Jahrbuch Arbeiterbewegung 4 zu “Faschismus und Kapitalismus”, wo er Alexander Schapiros Theorie zu rekonstruieren versucht. Auch interessant ist Ilse Schepperles Rekonstruktion der Theorie Pierre Ramus’ (Marxismuskritik und Sozialismuskonzeption) von 1988. Insbesondere das vierte Kapitel (Utopie als Gegenwartsprogramm) handelt von einer Transformationstheorie, bei der vieles von euch abgeschrieben sein könnte – wenn es nicht schon 30 Jahre vorher erschienen wäre. Das mal als erste Wegweiser.

      Was du bisher in der anarchistischen Literatur gefunden hast, sind die gewöhnlich reproduzierten Phrasen. Hier muss man ja auch bedenken, dass gerade im Anarchismus immer stärker betont wurde, dass für die Massen geschrieben werden sollte. Entsprechend wurde im Großteil der Literatur das Programm auf griffige Formeln runtergebrochen: Übernahme der Betriebe, zum Beispiel. Das heißt aber nicht, dass sich dahinter keine komplexere Theorie verbirgt. Und die schallt gewiss nicht einfach Parolen vom Klassenkampf heraus. Im Gegenteil: Gerade syndikalistische Theoretiker wie Rocker hatten ein sehr differenziertes Verhältnis zum Klassenkampf und warnten stets vor eine Fetischisierung von Proletariat und Klassenkampf. Sie betrachteten diesen vielmehr als eine Art Mittel zum Zweck, als ein Vehikel eben, über das sich kollektive Praxen entwickeln und komplexe Organisatiosnweisen ausbilden lassen – und das keineswegs auf den Betrieb beschränkt. Deren Punkt war doch gerade, dass es nicht einfach um ein “Klein ins Große” gehen kann, wie du sagst, sondern dass die eigene Vermittlungsform auch nach außen vermittelbar sein soll und zwischen verschiedenen Entitäten zu vermitteln ist! Und dafür bedarf es einer mesopolitischen Ebene (mittlere Ebene?), die breite Massen zu interessieren und einzubinden vermag. Denn nur in der Praxis, im Umgang mit äußeren und inneren Konflikten, in der Erfahrung, wie sich einzelne Organisationseinheiten größerer Ordnung in dynamischen Prozessen zueinander verhalten, welche Probleme dabei auftreten usw., kann sich so ein “Organismus” entwickeln, kann also die Frage beantwortet werden, wie neue Formen der Vergesellschaftung gebildet werden können. Denn das ist eine Frage der Praxistheorie (wie wirken sich soziale Praktiken auf Vergesellschaftung aus?) – und die erfordert Praxiserfahrungen, die mit den jetzigen Organisationsformen der Linken einfach nicht zu machen sind (und auch nicht mit einer metaphysischen Wertkritik!), während Gewerkschaften/Syndikate/soziale Kartelle in verschiedenden Lebensbereichen das Potential haben, breite Massen anzusprechen, um das Ganze auf ein (gegen-)institutionelles Niveau zu heben. Jedenfalls, wenn das die Frage ist, die euch umtreibt, dann hoffe ich, dass der zweite Teil der Serie da Licht ins Dunkel bringt. Denn genau darum geht es da (um die *Herstellung* der mittleren Ebene, durch eine Mesopolitik, die überhaupt erst den Unterbau für “transpersonale” Vermittlungen schaffen kann): https://direkteaktion.org/skizze-eines-konstruktiven-sozialismus-teil-2/

      Was Wright betrifft, fand der Bezug ja nur auf seine analytischen Einteilungen statt. Und das keinesweges positiv. Vielmehr wurde dargelegt, dass er ahistorisch arbeitet und von der strategischen Genealogie der Arbeiterbewegung kaum Ahnung hat. Auf seine Perspektiven bin ich bisher nicht eingegangen, außer, dass es Gemeinsamkeiten zum Syndikalismus gibt (der ja durchaus auch marktsozialistische Elemente diskutiert hat). Vielleicht geschieht das im vierten Teil. Ein Marktsozialismus ist jedenfalls suboptimal und kritikabel. Eine Kritik daran sollte aber auch in der Lage sein, etwas Alternatives umreißen zu können, das sich nicht in magischen Desideraten erschöpft, in denen die totale Inklusivität, das totale Gemeingut beschworen wird, als gäbe es da keine Probleme der praktischen Realisierungsmöglichkeiten. Wright ist ja nicht “Marktsozialist”, weil er solche Werte nicht teilt, sondern weil er deren Realisierung skeptisch sieht. Und das ist ein Punkt, der nicht einfach beseite geschoben werden kann mit dem Verweis auf die richtige Wertkritik. Tatsächlich ist das nämlich der Punkt, wo vieles, was ihr schreibt, mir dann doch vorkommt wie: reine Utopie.

      Liebe Grüße, Holger

Schreibe einen Kommentar