»Where have all the rebels gone?«

Im Buch kommen verschiedene Perspektiven des Klassenkampfes und der Gegenmacht zu Wort. Dabei verfolgt es historisch die Spuren vom Roten Oktober 1917, über die spanische Revolution 1936 bis hin zur Generation von 1977 und führt in die Gegenwart. In Artikeln, wie zur Organisierung von Solidarität gegen Repression, über antagonistische Stadtpolitik, zu den Möglichkeiten der Generalisierung von Streik, den französischen Gelbwesten, der kurdischen Befreiungsbewegung und den Kollektivierungsbestrebungen in Argentinien sprechen verschiedene Akteur*innen über ihre Erfahrungen.

JayParker: Wie entstand die Idee zu dem Sammelband und wie kam es zu den inhaltlichen Schwerpunktsetzungen bzw. zur Auswahl der Beiträge?

ChritopherWimmer: Grundlage waren mehrere Gespräche mit zahlreichen Aktivist*innen – einem Genossen aus der autonomen Bewegung, Menschen in Mietkämpfen, Feministinnen. So entstand die Idee, das Buch als Gesprächsangebot und als Plattform für verschiedene Perspektiven zu entwickeln. Die zentralen Bereiche ›Geschichte‹, ›gegenwärtige Kämpfe‹ und ›internationale Auseinandersetzungen‹ ergaben sich dann mehr oder weniger automatisch. Dabei sind sie natürlich nicht abgeschlossen, können dies auch gar nicht sein.

JP: Das Buch stellt mit dem Titel die Frage: ›Where have all the rebels gone?‹ Diese impliziert, dass es einmal Rebell*innen gab, die jetzt aber verschwunden sind oder an einem ›anderen Ort‹ sind. Ist damit eher die Arbeiter*innenbewegung als Bewegung gemeint und die Frage, wo sie heute geblieben ist? Denn im Buch werden ja daraufhin einige Geschichten erzählt und Bewegungen hörbar. Oder ist das Buch sozusagen die Antwort auf den Titel?

CW: Solange es den Kapitalismus gibt, wird es auch Gegenmacht geben. Das ist die gute, dialektische Nachricht. Gleichzeitig – das ist die schlechte Nachricht – steht es um den Widerstand aktuell ja nicht sonderlich gut. Das Buch ist eine Spurensuche, wo und wie in der Vergangenheit und Gegenwart diese Rebell*innen aktiv waren und sind. Das Buch versucht, diese Erfahrungen sichtbar zu machen. Hierbei geht es mir auf keinen Fall nur um die partei- oder gewerkschaftsförmige Arbeiterbewegung. Insbesondere in den relativ erfolgreichen Kampfzyklen von 1905 bis 1923 und von 1967 und 1977 waren es ja die Arbeiter*innen zusammen mit revolutionären Linken sowie Feministinnen und Internationalisten, die für eine kommunistische Gesellschaft kämpften.

JP: Das stimmt, das war auch in Amerika so, wie in der Autobiografie von Elizabeth Gurley Flynn ›Das Rebellenmädchen‹ nachzulesen ist, die sich mit der IWW für die Arbeiter*innenbewegung einsetzte. Aber außer einer Stärkung der Arbeitnehmer*innenrechte und dem 8-Stunden-Tag, was ist davon geblieben außer die Erinnerungen an die extremen Repressionen?

CW: Haben wir nur eine Geschichte des Scheiterns? Ich denke nicht. 1917 wurde eine Welt jenseits des Kapitalismus gebaut, in den 60/70ern neue Freiheiten erworben und der Imperialismus massiv angegriffen. Das ist nicht nichts.

JP: Sind die Rebell*innen vielleicht heute vorsichtiger aufgrund der historischen Erfahrungen mit Repressionen?

CW: Repression gab es immer und wird es immer geben. Davor Angst zu haben, ist mehr als legitim, im besten Fall findet man einen kollektiven Umgang mit ihr, um nicht ohnmächtig zu werden.

JP: Im 1. Kapitel Der rot-schwarze Faden der Geschichte beginnst du mit dem Zitat: ›Wir leben in einer Zeit, in der das Ende der Welt leichter vorstellbar ist als das Ende des Kapitalismus.‹ Stellen wir uns das Ende des Kapitalismus zu abstrakt vor?

CW: Es ist ja leider so, dass wir uns das Ende des Kapitalismus ja eben gar nicht mehr vorstellen. Der britische Schriftsteller Mark Fisher sprach mit Blick auf die Gegenwart vom ›kapitalistischen Realismus‹ und meinte damit das vollkommene Fehlen jeglicher Alternativen zum Kapitalismus – sogar in unserem Denken.

JP: Doch wird doch gerade innerhalb der aktuellen Entwicklungen und den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie deutlich, wie schnell Reaktionen möglich sind, wenn genügend Druck vorhanden ist. Können solche Ereignisse unsere Vorstellungen davon, was möglich ist, erweitern und so eine Chance für die sozialen Bewegungen sein?

CW: Der ›Druck‹ erscheint ja nicht als von der Opposition. Die Maßnahmen werden als ›medizinische Notwendigkeit‹ verkauft. Vielmehr müsste es jedoch nicht nur um ›Krisenmanagement‹ gehen, sondern darum, die Corona-Krise als politische Frage zu behandeln. Dabei warne ich aber vor allen Variationen der Verelendungstheorie, die sich immer wieder als falsch erwiesen haben: nicht zynisch werden und nicht darauf hoffen, dass es erst ganz schlimm werden muss, bevor es besser wird.

JP: Aber die Opposition könnte sich diesen Druck zunutze machen?

CW: Das sehe ich leider gar nicht. Nicht jeder ›Druck‹ ist gut, nicht jeder Aufstand progressiv.

JP: Du schreibst weiterhin: ›Ein konkreter antikapitalistischer Gegenentwurf ist nirgendwo zu finden.‹ Dann beginnt aber ein Streifzug durch etliche Beispiele. Es werden einige Prozesse und Beispiele von Kämpfen, Besetzungen und des ›Den-Chef-In-die-Flucht-Streikens‹ aufgenommen, die die Kooperativen von Arbeiter*innen zeigen, wie sie in Rojava, Argentinien, Griechenland, Deutschland und Frankreich zu finden sind. Was fehlt diesen Entwürfen und Realitäten, um sich global auszubreiten bzw. regional eigene Strategien in dem Sinne durchzusetzen?

CW: Der Kommunismus wird durchgesetzt werden oder nicht. Das erscheint mir relativ einfach. Es gibt diverse Kämpfe, richtig, Teilbereichskämpfe mal erfolgreicher, mal weniger erfolgreicher Art. Das ist gut und wichtig. Doch sind gerade die Kraftverhältnisse nicht so günstig. In einer solchen Zeit ist es daher bitter notwendig, die Nischen, in denen noch so etwas wie Emanzipation und Befreiung hausen, sichtbar zu machen. Was fehlt ihnen? Sich wahrnehmen, sich beziehen und am Ende, was Lenin gesagt hat: ›Lernen, lernen und nochmals lernen‹.

JP: Und der Kommunismus ist die einzige Alternative? – Wie kommen wir dahin?

CW: Großfrage! Ich hoffe, du erwartest jetzt keinen ausgearbeiteten Fahrplan von mir. Den habe ich nämlich nicht, aber vielleicht finden sich ja im Buch ein paar Hinweise. Zum Kommunismus: Wenn man es ernst meint mit der radikalen Veränderung der Verhältnisse, ist der Kommunismus das einzig sinnvolle, ja.

JP: Welche Strategien stellst du dir vor, um das Kräfteverhältnis umzuorganisieren?

CW: Großfrage Nummer zwei! Organisierter Klassenkampf erscheint mir als eine sinnvolle Möglichkeit.

JP: Im Beitrag zur Verbindung von Feminismus und Marxismus beschreibt Andrea D’Atri, dass es in der neuen feministischen Bewegungen keine präsente Strategie gäbe, sondern nur Widerstand und dass die Möglichkeit eines Sieges nicht einmal Teil der Vorstellungskraft dieser Bewegungen sei. Dabei wird ein Entweder-Oder aufgemacht zwischen dem Widerstandleisten und den Strategiediskussionen. Dennoch gibt es ja durchaus Strategien im Diskurs, wie die historisch-kritischen Ansätze der Erinnerungsarbeit von Frigga Haug oder die Modelle des Organizings von unten, die die Fernziele in den Nahkämpfen orientieren und beides zusammendenken. Gibt es dahingehend deiner Meinung nach auch strategische Prioritäten?

CW: Soweit ich Andrea verstehe macht sie keinen Gegensatz auf, sondern weißt darauf hin, wie wichtig es ist, eine Strategie zu haben. Wenn man Ideen hat, muss man wissen, wie man diese umsetzen kann. Das würde ich unterstützen und das widerspricht ja auch keineswegs, sich für ›Nahziele‹ stark zu machen. Den Zusammenhang habe ich versucht, in der Einleitung mit Rekurs auf Rosa Luxemburg deutlich zu machen.

JP: Wie kann ein ›Klassenstandpunkt als gesellschaftlicher Ort von dem aus Gesellschaft analysiert und verändert werden kann‹ uns bewusster werden?

CW: Indem man erkennt, wer von den gegenwärtigen Verhältnissen profitiert und wer bestrebt ist, diese aufrecht zu erhalten und wer Grund hätte, sie zu verändern. Davon gibt es viele.

JP: Im Buch geht es auch um Identitätspolitik, ist sie es, die die Vorstellung von gegenläufigen Standpunkten scheitern lässt, die uns die Interessen denen wir gegenüberstehen, nicht deutlich genug werden lässt?

CW: Die Sau der Trennung von Klassen- und Identitätspolitik wird ja nun schon einige Zeit durchs Dorf getrieben. Das macht sie nicht besser. Mich langweilt das ehrlich gesagt. Bert Brecht hat im Einheitsfrontlied gedichtet: ›Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront // weil du auch ein Arbeiter bist.‹ Viel mehr Identitäts- und Klassenpolitik zusammen geht ja gar nicht – und das ist auch gut so.

Vielen Dank für das Interview!

Weitere Informationen zum Buch gibt es hier.

Titelbild: Buchcover »Where have all the rebels gone?« ©UNRAST-Verlag

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