1968 in Jugoslawien: „Selbstverwaltung vom Boden zum Gipfel“

„Wir haben keinerlei eigenes Programm. Unser Programm ist das Programm der progressivsten Kräfte unserer Gesellschaft – das Programm des SKJ (Bund der Kommunisten Jugoslawiens; die regierende KP) und der Verfassung. Wir fordern ihre konsequente Umsetzung.“ Unter Führung von Josip Broz Tito hatten die Partisanengruppen des Balkans nach 1945 begonnen, einen sozialistischen „dritten Weg“ zu beschreiten und zwischen kapitalistischem Westen und staats-sozialistischem Osten den jugoslawischen „Selbstverwaltungs-Sozialismus“ aufzubauen – der Versuch einer über Marktbeziehungen vermittelten Produzenten-Autonomie unter Maßgabe zentral formulierter Plan- und Investitionsvorgaben. Im Prozess wachsender sozialer und regionaler Ungleichheiten, aber auch einer politischen Öffnung der offiziellen kommunistischen Organe und Verbände entstand in den 1960er Jahren vor allem in Belgrad eine Linksopposition, die endlich die Einlösung der halbherzig implementierten, dysfunktionalen oder nur auf dem Papier existierenden Versprechungen des Sozialismus forderte. Boris Kanzleiter hat dieses bisher kaum beachtete Kapitel der globalen 68er-Revolte minutiös aufgearbeitet.

Der jugoslawische Bund der Kommunisten legte in den 1960er Jahren eine im Vergleich zu den realexistierenden Sozialismen des Ostblocks entspannte Haltung gegenüber (links-) politischer Dissidenz und westlicher (Sub-)Kultur an den Tag. Zwischen den jugoslawischen „humanistischen Marxisten“ der Praxis-Gruppe und wichtigen Intellektuellen des westlichen Marxismus fand ein reger Austausch statt, und die offiziellen Studierendenorganisationen waren international gut vernetzt, verständigten sich über die Vorkommnisse in Ost und West und luden Delegationen aus ganz Europa zu gemeinsamen Treffen ein. Soziale Ungleichheit, Korruption, Arbeitslosigkeit und regional ungleiche Entwicklung wurden offen thematisiert und angeprangert – von der Führung wachsam beäugt, aber geduldet. Unter dem Eindruck der Ereignisse in Polen, Deutschland, Frankreich und der Tschechoslowakei im Verlauf des Jahres 1968 begann die zunächst zaghafte Kritik sich immer deutlicher und außerhalb der offiziellen Organisationen zu artikulieren, insbesondere innerhalb der Studierendenschaft.

Am 2. Juni 1968 löste die Fehlorganisation eines größeren Konzerts im Studierendenviertel von Belgrad eine Straßenschlacht zwischen 3000 Studierenden und der Miliz aus. Als auch die Solidaritätsdemonstrationen am Folgetag äußerst brutal niedergeschlagen wurden, formierten sich studentische Aktionskomitees, die die Universität Belgrad besetzten und in „Rote Universität Karl Marx“ umbenannten. Ähnlich wie in Paris oder Berlin konnte damit ein bisher nicht gekannter Freiraum für Diskussionen über soziale Mißstände, politische Theorie, Kunst und Kultur geschaffen werden. Die konfrontative Haltung gegenüber den offiziellen Staats- und Parteiorganen begann sich deutlicher herauszuschälen – mit Ausnahme der Person Titos, der unter weiten Teilen der Studierenden Sympathien genoss – und die studentische Forderung nach einer Einlösung der Versprechungen des Sozialismus formulierte sich zu einem politischen Aktionsprogramm. Gefordert wurde ein sozial gerechterer Universitätszugang, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und eine allgemeine Demokratisierung und Öffnung der jugoslawischen Gesellschaft und des Bundes der Kommunisten. Während die Forderung nach Selbstverwaltung im Westen nach in der Ferne grollendem Revolutionsdonner klang, lagen in Jugoslawiens real existierende Institutionen vor, an deren Ausbau und Transformation konkret hätte angeknüpft werden können – in den Universitäten wie den Betrieben. Die Studierenden suchten den Kontakt zur Arbeiterschaft, ihre Bemühungen wurden jedoch durch verleumdende Berichterstattungen in der Presse oder schlicht durch den betriebseigenen Wachschutz durchkreuzt.

Militärische Notfallpläne, Personenkult und die „Rückkehr zum Leninismus“

Das Exekutivkomitee des ZK hatte mit einer Krisensitzung reagiert, in der eine Reform des Universitätswesen für notwendig erachtet, vor allem jedoch vor einem Überspringen der Studierendenproteste auf die Arbeiterschaft gewarnt wurde: „Wenn die Arbeiter auf die Straße gehen, denken wir, müssen wir die Armee einsetzen.“ (in: Kanzleiter, 2011, S. 238 f.) Unterstützung erfuhren die Studierenden jedoch durch führende Intellektuelle Jugoslawiens – und immerhin schwappte die Revolte von Belgrad auf andere Universitätsstädte Jugoslawiens über.

Eine Forderung der Studierenden war ein Gespräch mit Tito, der als integre Verkörperung des sozialistischen Ideals außerhalb der korrumpierten Parteistrukturen fungierte. Nach einer vermittelnden und paternalistischen Rede am 9. Juni fand die Universitätsbesetzung in Belgrad im Jubel des Großteils der Studierenden ihr abruptes Ende. Nur der radikale Flügel an der philosophischen Fakultät wollte sich nicht recht freuen und wurde aus der offiziellen Parteiorganisation ausgeschlossen. Um ihn erblühte im Folgejahr eine offen politische und subkulturell-künstlerische Kritik an der autoritären Politik des Bundes der Kommunisten, Korruption und der nicht beseitigten sozialen Ungleichheit. Primär ausgelöst durch nationalistisch artikulierte Konflikte, 1968 im Kosovo und 1970 während des „Kroatischen Frühlings“, setzte Anfang der 1970er eine größere Repressionswelle ein, die sowohl die wiedererstarkte Rechte – die sich ein Programm ethno-nationaler Einheit statt Klassenpolitik auf die Fahnen schrieb – als auch die Neue Linke traf. Säuberungen des Parteiapparats, der Verwaltung, Betriebe und Universitäten, Verhaftungen und Verbote schlossen die gesellschaftlichen Spielräume theoretischer und praktischer Kritik wieder und markierten eine „Rückkehr in den Leninismus“ (in: Kanzleiter, S. 402) – das Berufsverbot für Professoren der Praxis-Gruppe 1975 setzte eine endgültige Zäsur.

Das Projekt einer Erneuerung des jugoslawischen Selbstverwaltungs-Sozialismus war damit gescheitert – allerdings waren die Forderungen der Neuen Linken dem Regime auch nie in praktischer Form gefährlich geworden. Für eine innere Transformation hatte sich die Führung schlussendlich als zu starr erwiesen und antwortete mit einer Restauration der Parteiherrschaft. Zugleich spitzten sich die Verteilungskämpfe zwischen den jugoslawischen Teilregionen zu. Die Erneuerung der Verfassung 1974 bereitete den Zerfall des Föderalstaates in unterschiedliche regionale Machtblöcke vor, deren Legitimationsgrundlage nicht mehr ein gemeinsames sozialistisches Projekt, sondern die „Nationale Frage“ war – ein Prozess vor dem die anti-nationalistische Neuen Linke stets gewarnt hatte.

Kanzleiter gelingt es, aus umfangreichem Archivmaterial und Interviews eine äußerst detaillierte Darstellung der jugoslawischen 68er-Proteste zu erarbeiten. Allerdings ist es gerade jene Detailfülle, die sich zur Schwäche des Buches auswächst – so kommen eventuell erklärende Rückbezüge auf die anfänglich präzise herausgestellten Eigenheiten und Widersprüche des jugoslawischen Wegs zu kurz. Vor dem Hintergrund der in der 68er-Forschung stetig wiederholten überhistorischen und ebenso leeren Erklärungsversuche als Jugendrevolte und Generationenkonflikt hätten gerade diese helfen können, den besonderen Charakter der Proteste (nicht Konfrontation, sondern Reformation) zu bewerten. Sagt das Scheitern der Protestbewegung mehr über ihre eigene Schwäche oder über den letztlich doch leninistischen Charakter der Führung aus?

Die im Fazit angedeutete Kontextualisierung mit anderen Bewegungen in Ost und West hätte gut daran getan, weniger die bekannten Parallelen, denn die Besonderheiten herauszustreichen, damit das jugoslawische 68 nicht nur als bloß weiterer Ausdruck einer globalen Revolte erscheint. Auch hätte durchaus die Möglichkeit bestanden, die Kritik der Neuen Linken selbst zum Ausgangspunkt einer Re-Interpretation des jugoslawischen Experiments zu machen – z.B. der Spannungen zwischen einer relativen ökonomischen Unabhängigkeit der Betriebe (Arbeiterselbstverwaltung) und der Sicherstellung eines annähernd gleichen Entwicklungsniveaus durch Elemente zentraler Planung. Kanzleiters Anspruch ist jedoch zunächst die historische Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte und inneren Dynamik der Bewegung selbst – eine notwendige Bedingung, die jeder weitere Analyse vorausgehen muss.

 

Buchcover: Die „Rote Universität“ (Bild: VSA Verlag)

Boris Kanzleiter:
Die „Rote Universität“. Studentenbewegung und Linksopposition in Belgrad 1964-1974, 486 Seiten, VSA-Verlag, Hamburg 2011.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar