Fallstricke nationaler Befreiung

Protagonist der algerischen Unabhängigkeitsbewegung und revolutionärer Syndikalist: Messali Hadj

Der Anspruch der FLN (Front de Libération nationale), die einzige Strömung der algerischen Unabhängigkeitsbewegung zu sein, war immer nur propagandistischer Anspruch. Er war während des Algerienkrieges niemals Wirklichkeit – wie das übrigens bei vielen, besonders bewaffneten, nationalistisch ausgerichteten antikolonialen Unabhängigkeitsbewegungen, die sich propagandistisch als „Einheitsfront“ konstituierten, der Fall war. Dieser Anspruch wurde aber von Jean-Paul Sartre und der autoritär-marxistischen Linken Frankreichs sowie durch den blinden Glauben an sie überall in Europa gerade als angebliche Wirklichkeit verbreitet und setzte sich auch in der BRD-Linken so tief fest, dass die von Albert Camus unterstützte Konkurrenzorganisation zur FLN, die MNA (zunächst Mouvement National Algérien von 1954-57, danach Mouvement Nord-Africain) von Messali Hadj hierzulande vollständig vergessen ist.

Messali Hadj war revolutionärer Syndikalist, ein guter Freund von Daniel Guérin und suchte im Gegensatz zur FLN gerade das Bündnis mit libertären und undogmatisch-linken Strömungen der radikalen Arbeiterbewegung Frankreichs – zeitweise ebenso das Bündnis mit trotzkistischen Strömungen, die dann aber teilweise mit Messali Hadj brachen und zur FLN überliefen, um sie beim Kampf um die algerische Unabhängigkeit zu unterstützen. Camus war mit Messali Hadj seit den 30er Jahren befreundet und schrieb nun, in den 50er Jahren, in derselben Zeitung des revolutionären Syndikalismus wie Messali Hadj, nämlich der Révolution prolétarienne!

Massaker gegen messalistische Dörfer und die Rolle Frantz Fanons

Als Messali Hadj, der immer zugleich Gewerkschafter und Unabhängigkeitskämpfer war, 1954 mit der Kriegsstrategie der FLN konfrontiert wurde, war er der Meinung, dass noch nicht alle Möglichkeiten, auf friedlichem Wege die Unabhängigkeit zu erreichen, ausgeschöpft seien. Zu Beginn des Algerienkrieges waren die „Messalisten“ weitaus zahlreicher als die Kämpfer der FLN. Als die FLN am 1. November 1954 schließlich bewaffnet losschlug, richtete sich die erste Welle der französisch-militärischen Repression fast ausschließlich gegen messalistische Organisationen. Das war der FLN bewusst.

In diesem internen Krieg zwischen FLN und „Messalisten“ in Algerien kam es 1956 und 1957 zu drei blutigen inneralgerischen Kampagnen durch Angriffe der FLN auf „Messalisten“. In der Nacht vom 13. auf den 14. April 1956 wurden von FLN-Einheiten „mehrere Hundert“ (andere Quellen sprechen von 490) messalistische BewohnerInnen des Dorfes Tifraten, darunter Frauen und Kindern, die Kehlen durchgeschnitten. Die Tat ist heute als „rote Nacht“ bekannt.1 In der Nacht vom 28. auf den 29. Mai 1957 wurden 303 (andere Quellen sprechen von 374) unbewaffneten Männern, messalistischen Sympathisanten, im Dorf Beni Ilmane bei Melouza von der FLN die Kehlen durchgeschnitten. Die Urheberschaft der FLN wurde viel später, im unabhängigen Algerien, durch den damals befehlshabenden FLN-Offizier Amirouche in der Zeit der demokratischen Öffnung zwischen 1988 und 1992 öffentlich zugegeben und bestätigt. Der Massenmord ist heute als „Massaker von Melouza“ bekannt.2

Alice Cherki, die Biographin Frantz Fanons, schreibt dazu: „Anfang Juni 1957, am Vorabend der Entdeckung der Toten von Mélouza, wird Fanon überraschend zum Sprecher der FLN ernannt. […] In Tunis schiebt Fanon bei einer Pressekonferenz […] die Verantwortung für das Massaker von Mélouza auf die französische Armee, wobei er seine ganze Eloquenz einsetzt. Doch er irrt sich. In Wirklichkeit ist der Befehl zum Töten von Amirouche, dem FLN-Militärchef der Wilaya 3, gegeben worden.“ Fanon, so Cherki, hätte keinen Grund gehabt, den Angaben der eigenen Guerilla zu misstrauen. Doch er blieb bei seiner Version, auch nachdem er erfuhr, wer die Täter waren. Cherki weiter: „Fanon, der auf diese Weise getäuscht und bloßgestellt wurde, äußerte sich nicht dazu. […] Aber ‚das Volk hat immer recht‘ und im Kampf darf man seine Vertreter nicht desavouieren, was immer man von ihnen hält, dachte Fanon.“3

Im September 1957 schließlich kam es zu einer weiteren Welle von mörderischen Anschlägen auf messalistische Gewerkschafter in den Städten Algeriens, als die FLN ihre eigene Gewerkschaft, die Union Générale des Travailleurs Algériens (UGTA), gegen die bisher in den Städten etablierte Union Syndicale des Travailleurs Algériens (USTA), die messalistisch orientiert war, durchsetzen wollte. Camus protestierte gegen letztere Attentatswelle an messalistischen GewerkschafterInnen durch folgenden Aufruf, den lediglich die libertären Zeitschriften La Révolution prolétarienne im November 1957 und Le Monde libertaire im Dezember 1957 abdruckten. Bei den orthodox-marxistischen Zeitschriften oder der Zeitung Sartres wollte davon niemand etwas wissen:

„Ich wende mich an Gewerkschafter und habe ihnen wie mir eine Frage zu stellen. Lassen wir es zu, dass die besten aktiven Gewerkschafter Algeriens durch eine Organisation ermordet werden, die scheinbar mit dem Mittel des Attentats die algerische Bewegung in eine totalitäre Richtung zwingen will? Die algerischen Kader, auf die das Algerien von morgen, wie immer es auch aussehen möge, nicht verzichten kann, sind rar genug (und wir tragen unsere Verantwortung in diesen Dingen). Aber unter ihnen befinden sich in der ersten Reihe gewerkschaftliche Aktivisten. Man tötet sie einen nach dem anderen, und jedes Mal, wenn ein Aktivist fällt, verdunkelt sich die Zukunft Algeriens ein wenig mehr. Man muss das wenigstens sagen, und so laut wie möglich, um zu verhindern, dass der Anti-Kolonialismus zum guten Gewissen erstarrt, das alles rechtfertigt, und zuallererst die Mörder.“4

Inhaltliche Unterschiede zwischen FLN und „Messalisten“

Camus hat den Verlauf des Algerienkrieges, sowohl die FLN wie die „Messalisten“, genau beobachtet. In einem Interview mit Jean-Michel Bloch für die (nicht-libertäre) Zeitschrift Demain vom 21. Februar 1957 sagte Camus etwa zum unterschiedlichen Umgang beider algerischer Bewegungen mit dem gleichzeitig stattfindenden Aufstand in Ungarn: „Was Algerien betrifft, so hat – zumindest meines Wissens – nur Messali Hadjs MNA gegen die russische Intervention in Ungarn protestiert, ohne auch nur um Haaresbreite von den eigenen Forderungen abzulassen. Ein Protest der FLN ist mir nicht zu Ohren gekommen.“5

Die FLN bezog über Nasser ihre Waffen aus der Sowjetunion, während die Strömung um Messali Hadj weitaus unabhängiger vom sowjetischen Einfluss blieb, zwar mit erbeuteten Waffen des Kolonialherrn ebenfalls bewaffnet kämpfte, ohne aber Waffenlieferungen zu bekommen. Die MNA ging gegen Antisemitismus in den eigenen Reihen aktiv vor, während Antisemitismus innerhalb der FLN unkritisch verbreitet, ja sogar durch die Aufnahme von Ex-Nazis in die eigenen militärischen Reihen gefördert wurde.6 Föderalistische Konzepte waren im Messalismus weit mehr präsent als in der rein nationalistischen FLN, auch wenn der Messalismus nicht frei war von autoritären Tendenzen und Handlungen. So hatten die „Messalisten“ vor dem Beginn des Algerienkrieges, im Jahre 1949, sogar eine interne Säuberung gegen die damals sogenannte „berbero-nationalistische Strömung“ in ihren Reihen durchgeführt (geleitet übrigens von Krim Belkacem, der dann nach Gründung der FLN sofort überlief und einer ihrer klandestinen Chefs wurde).

Trotzdem konnten die kabylischen BerberInnen in der messalistischen Strömung in der Regel offen als solche auftreten und ihre eigene Sprache sprechen, was im Nationalismus der FLN undenkbar war, wo das Arabische als einheitliche Nationalsprache und der Islam als einheitliche Religion propagiert wurde.7 Mit der Unterstützung des ungarischen Aufstands war für den Messalismus schließlich die Sicht verbunden, dass Ungarn in gewisser Weise ebenfalls Opfer eines Kolonialismus ist, des Kolonialismus der Sowjetunion in Osteuropa nämlich.

Diese inner-algerischen Auseinandersetzungen bleiben notorisch unbekannt und unverständlich, wenn nicht die Artikel von und über Messali Hadj in der revolutionär-syndikalistischen Zeitung La Révolution prolétarienne hinzugezogen und gelesen werden. Da findet sich etwa in der Ausgabe Nr. 439 vom Mai 1959 auf Seite 24 oben ein Artikel „Messali Hadj nous parle de l’Afrique“ (Messali Hadj spricht zu uns über Afrika) über ein Treffen von Libertären und revolutionären SyndikalistInnen mit Messali Hadj direkt nach seiner Freilassung. In diesem Kreis fühlte sich Hadj, wie dort nachzulesen ist, „wie zuhause“ und hier verkündete er seine neue Strategie, dass von nun ab vordringlich von französischer Seite mit allen anti-kolonialen Strömungen ohne Vorbedingungen verhandelt werden solle – eine Forderung, die Camus als Forderung nach einem „runden Tisch“ mit allen anti-kolonialen Strömungen schon lange vor der Zeit vorgebracht hatte, als de Gaulle begann, ausschließlich mit der FLN zu verhandeln. Und unten auf derselben Seite 24 dieser Ausgabe von Révolution prolétarienne findet sich ein Artikel des Aktivisten Albert Sadik, der Camus zu seinem Engagement an der Seite des Anarchisten Louis Lecoin für die Kriegsdienstverweigerung innerhalb der französischen Armee dankt und gratuliert.8

Der Stalinismus des Sartre-Mitarbeiters Jeanson

Bereits etwas früher, im Februar 1956, findet sich in der Révolution prolétarienne Nr. 403 ein Offener Brief von Yves Dechezelles, eines Aktivisten dieser Zeitschrift und gleichzeitig Anwalt von Messali Hadj in seinen Prozessen vor französischen Gerichten. Hadj war mehrfach ins Gefängnis geworfen, deportiert oder mit Hausarrest belegt worden. Dechezelles kritisiert nun die gerade erschienene erste Buchveröffentlichung mit Dokumenten aus dem algerischen Befreiungskrieg, das Buch L’Algérie hors la loi (Das Algerien der Gesetzlosen) von Francis und Colette Jeanson, als ein Machwerk, das ausschließlich Dokumente der FLN und keines der „Messalisten“ abgedruckt und somit den Eindruck erweckt habe, die FLN sei die einzige Befreiungsbewegung Algeriens. In dem Buch, so Dechezelles’ Kritik weiter, wird Messali Hadj als Kollaborateur und Lakai des französischen Gouverneurs und der CIA dargestellt. Weiter wird Hadj explizit aus prokommunistischer Perspektive der Zusammenarbeit mit dem Trotzkismus beschuldigt – ein typisch stalinistischer Vorwurf, damals noch ein mit dem Tode zu bestrafendes Verbrechen. Die Jeansons schreiben in diesem Buch sogar wörtlich: „Der Messalismus befindet sich auf dem Weg der Liquidierung“ – die Massaker der FLN, die noch folgen sollten, bereits vorwegnehmend.9 Hier muss daran erinnert werden, dass es Francis Jeanson war, der im Auftrag Sartres 1952 die Kritik an Camus‘ Der Mensch in der Revolte für Les Temps modernes geschrieben hatte und dann das Réseau Francis Jeanson aufgebaut hatte, das ausschließlich die FLN mit finanzieller Unterstützung und Lieferungen für den bewaffneten Kampf (den sogenannten „Kofferträgern“) unterstützte.

Die Proteste des „Messalisten“-Freundes Camus

Es waren diese mörderischen Kampagnen der Jahre 1956 und 1957 gewesen, die Camus auf eine inhaltlich begründete Distanz zur FLN gehen ließen. Wer die libertären und revolutionär-syndikalistischen Zeitschriften dieser Zeit liest und zur Kenntnis nimmt, kann das plausibel nachvollziehen. Camus protestierte aber auch in seinen Büchern öffentlich gegen diese Massaker und schrieb im März/April 1958 dazu in seinem „Vorwort zur Algerischen Chronik“:

„Das blinde Niedermetzeln einer unschuldigen Menge, in der der Mörder im vorhinein gewiß ist, Frauen und Kinder zu treffen, wird jede Sache jederzeit entehren. […] Darum erschien es mir zugleich unanständig und schädlich, gemeinsam mit den Leuten, die Melouza oder die Verstümmelung der europäischen Kinder sehr gut verdaut haben, gegen die Folterungen zu protestieren. So wie mir es schädlich und unanständig schien, den Terror an der Seite der Leute zu verurteilen, die sich so leicht mit der Folter abfinden.“10

Im Zusammenhang mit dieser Passage weist Camus übrigens auch auf das Beispiel Gandhi hin, der bewiesen habe, „daß man für sein Volk kämpfen und sogar siegen kann, ohne auch nur einen einzigen Tag aufzuhören, Achtung zu verdienen.“11

Ende 1957 war die messalistische Strömung am Boden. Der inneralgerische Krieg im anti-kolonialen Befreiungskrieg forderte rund 10.000 Tote und 23.000 Verletzte.12 Das algerische FLN-Regime ist bis heute an der Macht und in der Bevölkerung so desavouiert wie die anderen arabischen Regime auch, die derzeit von den arabischen Aufständen hinweggefegt werden.

Anmerkungen:

[1] Angaben zur „roten Nacht“ von Tifraten mit unterschiedlichen Opferziffern auf messalistischer Seite, aber in beiden Quellen keine Opfer auf FLN-Seite bei Gilbert Meynier: „Le PPA-MTLD et le FLN-ALN, étude comparé“, in Mohammed Harbi und Benjamin Stora (Hg.): La Guerre d’Algérie, Paris 2004, S. 416-450, hier S. 436ff.; und bei „FLN contre MNA, une mémoire sanglante“, in Le Monde, 28. April 2004, Sonderbeilage zum Algerienkrieg. Dt. Zusammenfassung in Graswurzelrevolution Nr. 297, März 2005, S. 14f.

[2] Angaben zum „Massaker von Melouza“ mit unterschiedlichen Opferziffern auf messalistischer Seite, aber in beiden Quellen kein Opfer auf FLN-Seite genannt: bei Moula Bouaziz, Alain Mahé: „La Grande Kabylie durant la guerre algérienne“, in Harbi/Stora (Anm. 1), S. 253, und bei Jean Daniel: „Témoignage de Jean Daniel“, in Harbi/Stora (Anm. 1), S. 497. Dt. Zusammenfassung in Graswurzelrevolution Nr. 297, März 2005, S. 14f.

[3] Alice Cherki: Frantz Fanon. Ein Portrait, Edition Nautilus, Hamburg 2001, S. 151f.

[4] Albert Camus: „Post-scriptum“, in Lou Marin (Hg.): Albert Camus et les libertaires 1948-1960), Égrégores Éditions, Marseille 2008, S. 296f.

[5] Albert Camus: „Der Sozialismus der Galgen“, in ders.: Fragen der Zeit, Reinbek 1960, S. 183-188, hier 184.

[6] Darüber berichtet der Friedenspreisträger des dt. Buchhandels 2011, Boualem Sansal, in seinem herausragenden Roman: Das Dorf des Deutschen oder das Tagebuch der Brüder Schiller, Merlin Verlag, Gifkendorf 2009.

[7] „Die Besiegten und Vergessenen des Algerienkrieges“, Teil 1 und Teil 2, in Graswurzelrevolution Nr. 296 und 297, Februar und März 2005

[8] „Messali Hadj nous parle de l’Afrique“ und Albert Sadik: „Un acquittement qui fait date“, in La Révolution prolétarienne, Nr. 439, Mai 1959, S. 24, wiederabgedruckt in Lou Marin (Hg.): Albert Camus et les libertaires 1948-1960 (Anm. 4), S. 319-323.

[9] Yves Dechezelles: „À propos d’un livre sur l’Algérie. Lettre ouverte à Francis et Colette Jeanson“ in La Révolution prolétarienne, Nr. 403, Februar 1956, S. 21f., wiederabgedruckt in Lou Marin (Hg.): Albert Camus et les libertaires 1948-1960 (Anm. 4), S. 311-318. Dt. Übersetzung in Graswurzelrevolution Nr. 296, Februar 2005.

[10] Albert Camus: „Vorwort zur Algerischen Chronik“, in ders.: Fragen der Zeit (Anm. 5), S. 146.

[11] ebd.

[12] Guy Pervillé: „La guerre d’Algérie: combien de morts?“, in Harbi/Stora (Anm. 1), S. 477-493, hier 484.

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