Kolumne Durruti

Enno SchmidtDie Krise scheint hier weit weg. Die Geflüchteten, die bald die neuen Baucontainer beziehen, die übereinander gestapelt und aneinander gedrängt ein provisorisches Lager bilden, könnten wahrscheinlich mehr über Europas Krise erzählen als ihre zukünftigen Nachbarn. Auf dem Weg hierher werden sie Länder wie Italien oder Griechenland passiert haben und sie werden womöglich hoffen, in den Baucontainern bleiben zu können. Sie werden hoffen, dass ihre Fingerabdrücke nicht identifiziert werden und der deutsche Staat sie nicht gleich wieder abschiebt in jene Länder, wo die Ängste der Mittelschicht vorm Absturz in die Armut Realität sind.

Die Mittelschicht ihres zukünftigen deutschen Wohnorts trifft sich an diesem Abend, um über die neuen BewohnerInnen ihres Stadtteils zu sprechen. Die Stuhlreihen der Bürgerversammlung sind bis auf den letzten Platz gefüllt mit Angehörigen der Mittelschicht. Wer hier in Deutschland am stärksten von der Krise betroffen ist, als LeiharbeiterIn, als prekär Beschäftigte, als Arbeitsloser, nimmt nicht Teil an dieser Veranstaltung – kann es vielleicht gar nicht oder will es eben nicht. Die, die wollen, sind abgesichert und sie machen schnell klar, warum sie der Einladung gefolgt sind: Sie wollen helfen. Sie wollen eine Willkommenskultur im Stadtteil etablieren. Wollen ihre neuen Nachbarn mit offenen Armen empfangen. Ständig meldet sich jemand und hat eine neue Idee: Stadtteilfeste, Blumensträuße, Willkommensgeschenke, gemeinsam kochen, stricken, backen, Fußball gucken… Tolle Ideen, nette Gesten, aber nach zwanzig Minuten werden sie verworfen: Eine Person hat gerade angemerkt, dass Fußball gucken, backen, stricken und Blumensträuße den Geflüchteten keine Hilfe sein werden. Sinnvoller sei es, Sprachkurse anzubieten. Der Einwand findet allgemeine Zustimmung und fortan wird nur noch über Bildung gesprochen. Denn die, da sind sich alle einig, ist der Schlüssel zum Arbeitsmarkt. Ein Arbeitsmarkt, der Flüchtlingen allerfrühestens nach einer neunmonatigen Wartezeit die Chance auf Teilhabe eröffnet. Selbst nach den neun Monaten ist der strukturelle Rassismus in diesem Land weiterhin stark daran beteiligt, diese Chancen marginal zu gestalten.

Trotzdem ist seit dem Einwand allen klar, dass nur die Geflüchteten ihre Chance nutzen können, die fit gemacht sind für diesen Arbeitsmarkt und die entsprechende Sprachkenntnisse mitbringen. Man kann den Diskutierenden keinen Vorwurf aus der Zielrichtung ihres Engagements stricken. Sie haben ja Recht, die Blumensträuße werden verwelken, das Gebackene aufgegessen sein und die Feste vorüber gehen. Die Sprachkurse werden den Flüchtlingen nützlicher sein und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern.

Trotzdem bleibt ein seltsamer Beigeschmack, wenn die Mittelschicht in Deutschland sich Gedanken über eine Willkommenskultur macht: Wenn Deutschland seine Arme ausstreckt und dich willkommen heißt, dann in Gestalt eines Oberlehrers, der dir vorturnt wie du hier schneller, besser, weiter kommst. Nämlich schlicht und einfach, indem du verwertbar wirst für diesen Arbeitsmarkt. In keiner Wortmeldung wird an diesem Abend davon gesprochen, dass Sprachkurse ganz grundsätzlich sinnvoll sind, um im Alltag klar zu kommen oder sich politisch zu artikulieren in einem noch fremden Land. Nein, es geht hier darum, dass die Menschen leistungsfähiger werden sollen. Kritik an diesem Engagement der Mittelschicht wäre fatal und unangebracht, weil zynisch. Trotzdem: Dass in diesem Land den Menschen zum Thema Solidarität und Menschlichkeit nichts weiter einfällt, das ist auch so eine Krise.

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