Berichte aus dem Arbeitsalltag

Frauen und nichtbinäre Menschen aus ganz verschiedenen Branchen organisieren sich in der FAU. In ihren Berichten zeichnen sich ähnliche Probleme ab, die auch mit Geschlecht zusammenhängen, wie dass es schwierig ist, mit Beruf und Familie nebeneinander klarzukommen, und dass Sexismus und Rassismus die Lohnarbeit noch belastender machen. Es sind aber keine Jammergeschichten.

Jay: Die Arbeitsbedingungen in der Pflege und die sozialstaatliche Absicherung pflegebedürftiger Menschen in Deutschland spiegeln eine Kultur der Barbarei wider. Die durchkalkulierten Leistungen, die jeden Toilettengang zeitlich festlegen und dafür eine Pauschale festsetzen, basieren auf einer extremen Ausbeutung des Pflegepersonals, die so selbst zu einer Verschleißware werden. Die selbstverständliche Unterbesetzung und die Akkordarbeit führen zu unzumutbaren Bedingungen für eingeschränkte, kranke und alte Menschen. Diese Zustände müssen aufhören. Pflege darf sich nicht lohnen, sondern muss organisiert werden.

Ich heiße Ana und arbeite als Sekretärin. Ich komme mir oft wie ein Puffer zwischen meinem überarbeiteten Chef und seinen Kund_innen vor, die schnelle Lösungen für ihre Probleme verlangen. Ich verstehe beide Seiten und muss vermitteln, während niemand sonst zu Kompromissen bereit ist. Oft kommt mein Chef erst abends ins Büro und dann muss noch dringend etwas erledigt werden, obwohl ich schon 8 Stunden da bin. Ich habe häufig das Gefühl, dass er nicht wahrnimmt, dass der Laden ohne das Sekretariat gar nicht mehr laufen würde. Ich wünsche mir mehr Respekt und mehr Lohn für meine Arbeit.

A., Ostdeutschland, Sexarbeiterin: Unsere Branche ist divers. Für manche ist der Job Befreiung, für manche Zwang; für die meisten wohl irgendwas dazwischen, Geldverdienen, notwendiges Übel. Auf Arbeit zeigt sich deutlich, wie Frauen allgemein gesehen werden. Durch Kunden (meist Männer), aber auch „Vater Staat“. Wenn wir uns mehr als Schwestern (statt Konkurrentinnen) sehen würden, müssten wir uns weniger gefallen lassen. Die (weißen) Kolleginnen im hochpreisigen Bereich sollten sich mit den „billigen“ Huren verbünden, statt sich abzugrenzen. Ein Traum wäre eine Hurengewerkschaft.

Aisha, fast 40: Ich arbeite selbstständig in der Medienbranche. Mir gefällt, dass ich mein eigenes Werkzeug benutzen kann, und entscheiden kann wo ich arbeite – z.B. eben nicht im Büro der Auftraggeber, wo die Chefs sich zu oft an der Grenze zur sexuellen Belästigung bewegt haben und antimuslimische Andeutungen gemacht haben. Es ist aber schwer, langfristig zu planen, weil Arbeitsmenge und Verdienst unvorhersehbar sind. Viele können sich die Krankenversicherung zeitweise nicht leisten. Bei Krankheit nicht zu arbeiten, kannst du meist vergessen. Es wäre schwierig gewesen, Kinder von diesem Job groß zu ziehen. Ich muss aufpassen, dass ich nicht nur die Nachteile der Selbstständigkeit bekomme, sondern auch ein paar Vorteile.

Pola, 34, Naturwissenschaftlerin im öffentlichen Dienst: All die Vorteile des öffentlichen Dienstes wiegen die prekäre Realität nicht auf: Ein nach oben hin von Männern geprägtes steil hierarchisches System, das Abhängigkeit und Machtmissbrauch begünstigt, in dem es um die Zahl der Publikationen und nicht den Inhalt geht und das keine Sicherheit bietet. Befristete Verträge sind die Regel und dank des Wissenschaftszeitvertraggesetzes durch Anstellung über Drittmittel bleibt man unbegrenzt befristet angestellt.

Ewa, 36: Seitdem ich im Einzelhandel in der Bio-Branche tätig bin, d.h. seit sechs Jahren, haben sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessert. Man verdient meistens den Mindestlohn und muss dafür sechs Tage die Woche schuften bei ständig wechselnden Schichten. Dabei wirst du schikaniert und ständig hörst du, dass du schneller arbeiten sollst, obwohl bei dem Personalmangel, der in der Firmenpolitik von vorneherein einkalkuliert ist, Überstunden eine Selbstverständlichkeit sind. Die eigene Familie siehst du selten, Sozialleben hast du praktisch nicht und Erholung ist einfach ein Fremdwort. Wenn mich Stress und Hetzerei nicht kaputt machen, dann bestimmt die miese Rente. Bei solchen Bedingungen und mit solcher Bezahlung, kann Arbeit wirklich tödlich sein.

Cindy, 28: Ich bin selbständige Künstlerin, also: ich SELBST habe kein Geld, wenn ich mich nicht STÄNDIG irgendwo bewerbe und mir immer neue „Projekte“ ausdenke. Dabei muss ich finanziell und zeitlich in Vorleistung gehen, meist wird abgelehnt, das ist entwürdigend. Noch blöder, weil der Kulturbetrieb weiterhin weißen Männern gehört, Frauen dürfen Musen sein. Weil ich keine Rücklagen habe, brauche ich einen Brotjob, also keine Zeit für die Kunst. STÄNDIG diese Unsicherheit und Überlastung – und dann soll ich auch noch froh sein über diese Freiheit. Pah, ich weigere mich, alle Verantwortung für diese Arbeitsverhältnisse SELBST STÄNDIG allein zu tragen und dabei auch noch begeistert und kreativ zu sein.

Wir, zwei Frauen um die dreißig aus Süddeutschland, arbeiten beide seit etwa zehn Jahren in der Gastronomie. Derzeit im selben Speiselokal, in der Vergangenheit hauptsächlich in verschiedenen Bars und Kneipen. Durch unsere langjährige Erfahrung und den Austausch mit anderen in der Gastronomie Beschäftigten (der nächtliche Feierabend verbindet die Branche) können wir ein authentisches Bild von gängigen Missständen zeichnen: Wie so viele andere haben wir oft als Minijobberinnen gearbeitet. In der Regel werden in diesem Anstellungsverhältnis die gesetzlichen Ansprüche auf Urlaub, Krankengeld oder überhaupt eine vertragliche Absicherung missachtet – besonders betroffen hiervon sind migrantische KollegInnen. In vielen Betrieben wird das Trinkgeld durch die Chefs unterschlagen mit fadenscheinigen Begründungen wie der Betriebsrettung oder ähnlichem. Werden diese Zustände infrage gestellt, kann man mit der sofortigen Kündigung rechnen, meist ohne Beachtung der gesetzlichen Kündigungsfristen. Ein weiteres Problem: gerade in der Nachtgastronomie mussten wir immer wieder sexistische Übergriffe von Gästen erleben. Aus der Chefetage konnte man hierfür keinerlei Unterstützung erwarten, Glück hat, wer in einem solidarischen Team arbeitet. Mittlerweile haben sich unsere Jobs verbessert, zumal wir inzwischen wissen, wie wir unsere Interessen durchsetzen. Dies konnte aber nur geschehen durch Austausch mit KollegInnen und GenossInnen. Daher wünschen wir uns, dass so ein ernsthafter Austausch in allen Betrieben zur Regel wird und sich dadurch Solidarität und Stärke innerhalb der Belegschaften entwickeln kann. Prekäre Verhältnisse sollen – gerade für Minijobber – endlich Geschichte werden. Organisiert Euch!

Die Berichte stammen aus der Zeitung zum 8. März, die von der fem*fau, einer feministischen AG in der FAU, herausgegeben wurde. Die Zeitung ist kostenlos erhältlich bei den lokalen FAU-Gewerkschaften und online hier.

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