„Eine Revolution machen nie die Alten.“

September 1939: Im Ernteeinsatz

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden
überall in Deutschland Gruppen, die sich „Freie Jugend“ nannten.
Einer ihrer Hauptangriffspunkte war der Militarismus, ihr Symbol war
das zerbrochene Gewehr. Das Freizeitverhalten dieser jungen Menschen
wurde vor allem bestimmt durch Wanderungen, gemeinsames Singen und
Musizieren, durch Lesungen und gemeinsamen Diskussionen. Die Natur
spielte eine besonders große Rolle, dazu kamen Feste zur Sonnenwende
oder Jugendweihe, denn diese Jugendgruppen glaubten nicht an Gott.
Sie waren antiautoritär eingestellt, und lehnten daher alles an
bevormundenden Zentralinstanzen ab, wozu nicht nur Kirche und Militär
zählten, sondern auch die Staatsmacht im Allgemeinen und besonders
auch das kapitalistische Wirtschaftssystem. Sie suchten nach Wegen,
eine neue und freie Gesellschaftsform aufzubauen, frei von Ausbeutung
und Unterdrückung. Dazu setzten sie auf die Herausbildung
selbstbewusster und integrer Persönlichkeiten ganz im Sinne des
libertären Pädagogen Francisco Ferrer.

Entstehung und Ausrichtung

Die FJ, welche in den Städten
normalerweise Gruppenstärken von mehreren Dutzend
Arbeiterjugendlichen erreichten, entstanden frei und unabhängig und
hatten dem gemäß unterschiedliche Schwerpunktsetzungen.

In der „Freien Jugend“ Heilbronn
etwa vereingten sich neben syndikalistischen Jugendlichen auch etwa
30 Mitglieder aus der Wandervogelbewegung, freireligiöse (Monisten)
und Guttempler, die dem Anarchismus nahe standen.

Gegen die offiziellen nationalistischen
Stellungnahmen zur Besetzung des Ruhrgebietes im Jahre 1923
protestierten sie singend auf dem Marktplatz: „Nie, nie, wollen wir
wieder Waffen tragen … laß doch die großen Herren sich alleine
schlagen“. Daraufhin wurden sie von Kirchenbesuchern mit Prügel
und Fußtritten attackiert. In der folgenden „Schutzhaft“ starb
der 21-jährige Eugen Brecht unter fürchterlichen Schmerzen. Die
Behandlung einer akuten Blinddarmentzündung war ihm verweigert
worden.

In den SAJD-Gruppen waren Mädchen
und Jungen gleichberechtigt, und junge Frauen hatten einen hohen
Anteil, manche Aktivisten verliebten sich ineinander. Seit 1922
organisierten sich viele dieser Gruppen in der
„Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands“ (SAJD).
Diese hatte klaren syndikalistischen Bezug und stand sowohl auf dem
Boden der kommunistisch-anarchistischen Weltanschauung nach Kropotkin
als auch auf dem der „Freien Arbeiter-Union Deutschlands“ (FAUD)
und ihrer Prinzipienerklärung des Syndikalismus. Die Prinzipien der
rein anarchistisch orientierten „Föderation kommunistischer
Anarchisten Deutschlands“ (FKAD) wurden gleichermaßen anerkannt:
„Ihr [der SAJD] können alle jungen Menschen angehören, die
revolutionären Klassenkampf auf der Basis des Syndikalismus im Sinne
des kommunistischen Anarchismus zu führen bereit sind.“

Organisation und Verbreitung

Die SAJD, die auch über eigene
Statuten und Leitsätze verfügte, richtete regionale Sekretariate,
die sog. „Bezirksinformationsstellen“, sowie eine eigene
Reichsinformationsstelle ein und hielt Kongresse ab. Sie organisierte
bis zu 3.000 Mitglieder in 120 Ortsgruppen (1924) und brachte mit
„Die junge Menschheit“ und „Junge Anarchisten“ (bis zu 5.000
Exemplare) zwei Presseorgane heraus. SAJD-Gruppen existierten zumeist
an Rhein und Ruhr, jedoch insgesamt beinahe flächendeckend bis in
die hintersten und reaktionärsten Winkel. In Ostpreußen hieß die
Jugend „Sturmvolk – Bund revolutionärer Jugend
Deutschlands“/“Sturmscharen“, in Berlin „Freie
Arbeiter-Jugend“ – die Gruppennamen unterschieden sich von Ort zu
Ort.

In manchen SAJD-Gruppen politisierte
sich mittlere bis hohe Prominenz, darunter beispielsweise ein
Landtagsabgeordneter (Erich Gerlach, SPD), ein Reichstagsabgeordneter
(Paul Albrecht, KPD) und mit Herbert Wehner einer der prominentesten
deutschen Nachkriegspolitiker (SPD). Wehner vertrat allerdings in der
Dresdener SAJD einen antisyndikalistischen Standpunkt. Wahrscheinlich
unter seinem tatkräftigen Mitwirken trat die Dresdener SAJD aus der
Reichsföderation im Jahre 1926 aus und gründete sich als
„Anarchistische Tatgemeinschaft“ neu.

Innere Konflikte

Innerhalb der anarcho-syndikalistischen
Bewegung existierten die unterschiedlichsten Auffassungen über die
Anwendung von Gewalt. Die einen befürworteten lediglich den
Generalstreik als Niederlegung von Arbeit, andere würden auch
gewaltsam gegen Streikbrecher vorgehen und generell nur die Streiks
verteidigen. Der Umsturz sollte auf betrieblicher Ebene erfolgen, da
die Syndikalisten im allgemeinen bewaffneten Kampf die Gefahr der
Neukonstituierung politischer Macht mit totalitären Tendenzen sahen.

Dennoch: Der Trend in dieser Frage
inhaltlicher Ausrichtung ging Mitte der 1920er Jahre gerade bei der
SAJD zum Undogmatischen hin. „Da das Prinzip des Anarchismus sich
gegen jegliche Gewalt richtet, lassen wir uns keine Richtlinien
vorschreiben, sondern handeln frei, täglich und stündlich, je nach
den Erfordernissen“, so Erich Gerlach aus Heilbronn. Dazu zählte
nach Paul Albrecht (Berlin) auch, „gegen die Staatsgewalt jedes
Mittel, auch den bewaffneten Kampf anzuwenden.“ Damit wurden
diejenigen SAJD-Gruppen verdrängt, welche unter geistiger Führung
des Schriftsteller Ernst Friedrich („Krieg dem Kriege“) einen
strikt „gewaltlosen“ Widerstand einforderten. In einem Nachruf
auf diejenigen Gruppen fasste der Stuttgarter Wilhelm Bötzer
zusammen: „Gewiß, vor zirka einem halben Jahr hatten derartige
Leutchen noch einen Einfluß auf die Stuttgarter Jugend mit ihrem
In-Nackt-Kultur-machen. Heute jedoch liegen die Verhältnisse
wesentlich anders. Wir haben jetzt auch die letzten von dieser Sorte,
alle ‚Schöngeister’ und ‚Nacktkulturmenschen’ rücksichtslos
ausgemerzt (…) Gerade in Stuttgart taucht alle Augenblicke so ein
‚Wahrheitsapostel’, ‚Freiheitssuchender’ und ‚Übermensch’
auf, so daß wir uns jetzt veranlaßt gesehen haben, diesen
Schmarotzern an der Arbeiterbewegung auf gut proletarische Art die
Meinung zu sagen.“ Ein zweiter Trend ging in Richtung
Syndikalisierung und damit Annäherung an gewerkschaftliche Fragen
und Tätigkeiten. Das ging soweit, dass sich um 1927 viele
SAJD-Gruppen in die FAUD assimilierten, führende Repräsentanten,
wie beispielsweise Helmut Rüdiger, Fritz Linow oder Reinhold Busch
Funktionen in der FAUD übernahmen, aber nur wenige Jugendgruppen
nachwuchsen. 1930 waren noch knapp 500 Jugendliche organisiert.

Schwarze Scharen

Aus manchen Gruppen gingen Ende der
20er Jahre die „Schwarzen Scharen“ hervor, so z.B. in Schlesien,
im Ruhrgebiet oder Kassel (siehe dazu Seite 16). Während ältere
Syndikalisten zu Beginn der 1930er Jahre noch mit organisatorischen
Dingen in der Legalität beschäftigt waren, nahmen die jungen die
direkte Konfrontation mit den Faschisten frühzeitig auf: Sie
sammelten und versteckten Schusswaffen und wurden von anderen
anarcho-syndikalistischen Gruppen zum Schutz von Veranstaltungen
engagiert. Sie lieferten sich in der Illegalität ab 1933,
mancherorts in Eintracht mit den „Edelweißpiraten“, militante
Kämpfe mit der HJ. Einen offeneren Kampf gegen den Faschismus
suchten nicht wenige während der Spanischen Revolution ab 1936 und
überschritten illegal die Grenzen. Denn die Nazi-Diktatur machte
jede offene und effektive Neuorganisation in Deutschland zunichte.

Jugend nach 1945

Als nach 1945 die ersten
anarcho-syndikalistischen Gruppen versuchten, sich als „Föderation
Freiheitlicher Sozialisten“ (FFS) zu reorganisieren, waren die
allermeisten noch lebenden Aktiven bereits jenseits der Vierzig. Sie
vermochten es in den Folgejahren nicht mehr, eine Jugend neben sich
aufzubauen. Im Zuge der 68er-Kulturrevolution entstand im Jahre 1977
die „Initiative Freie Arbeiter Union“ (I-FAU), welche jedoch
ähnlich wie die FFS im Vergleich zur Vorkriegsbewegung keine
nennenswerten Mitgliederzahlen, geschweige denn Einfluss erlangen
konnte. Die FAU, wie sie sich nach einigen Jahren nannte, hatte in
großen Teilen selbst den Charakter einer Jugendbewegung, weshalb
eine Jugendorganisation zunächst überflüssig erscheinen musste.

Neue Organisationsversuche

1991: Gemeinsames Transparent der ASJ Stuttgart und der Anarcho-Skins Stuttgart

Einen besseren Anlauf nahm seit 1990
die mehrere Dutzend Mitglieder zählende „Anarchosyndikalistische
Jugend“ (ASJ) im Großraum Stuttgart. Sie konnte einige deutliche
Akzente in der Öffentlichkeit setzen, beteiligte sich an den
Protesten gegen den Golfkrieg, an einer Hausbesetzung, führte einen
erfolgreichen selbstorganisierten Streik durch und wurde ein
entscheidender Motor für die militante Entnazifizierung Stuttgarter
Kernbereiche. Dies war mit vielen persönlichen gesundheitlichen wie
strafgesetzlichen Risiken verbunden, und um so anspruchsvoller, als
in den Jahren, welche die ASJ existierte (1990-1993), Neonazis und
ihre brandschatzenden Schlägerbanden sich deutlich in der Offensive
befanden.

Wegen ihrer verstärkt
syndikalistischen Ausrichtung seit der Jahrtausendwende erfolgte eine
Zunahme an Mitgliedern in der FAU. So treten die unterschiedlichen
Bedürfnisse zwischen Alt und Jung seit wenigen Jahren wieder
deutlicher hervor. Denn in vielen Regionen hat die FAU hat ihre
Funktion als „Durchlauferhitzer“ abgelegt – ein Großteil der
älteren Aktiven bleibt dabei. Die Jugend kann in ihrem Umfeld dort
ansetzen, wo es für Erwachsene schwierig wird, Gespräche zu führen,
nämlich beim ganz Grundsätzlichen, beim Philosophischen. Die
Älteren haben es dagegen eher mit Menschen zu tun, die sich in
dieser kapitalistischen Welt längst eingerichtet haben, und an die
fast nur noch über rein syndikalistische Positionen heranzukommen
ist: Die Jugend muss bei Gleichaltrigen viel weniger Mauern
durchbrechen, da junge Menschen in der Regel offener und
aufnahmebereiter sind.

Das Zitat in der Überschrift
stammt von Abel Paz, dem Biographen des spanischen Anarchisten und
Revolutionärs Buenaventura Durruti.

 

Die schwarze Fahne

Der Jugend der Internationalen
Arbeiter-Assoziation!

Herzen, erglühend für Freiheit,
Stirnen, trotzend dem Tod,
haben als Sinnbild erkoren
dich, schwarze Fahne der Not.
Duster Panier, wo du wehest
birgt sich der Hunger voll Graus,
rufst du doch laut in die Lande
unsere Botschaft hinaus:
„Arbeiter, nimm die Maschine!
Bauer, nimm dir das Feld!
Kämpf’ um die Heimat der Zukunft,
stürmende Jugend der Welt!“

Lang hielt uns Knechtschaft gefangen,
druckt’ uns die Stirn in den Staub –
Hoffnungen, Freuden, Beglückung
fielen Maschinen zum Raub.
All unser’ blühende Jugend
fraß die Fabrik, das Kontor,
bis aus verzweifelten Kehlen
gellte der Kampfruf hervor:
„Arbeiter, nimm die Maschine!
Bauer, nimm dir das Feld!
Kämpf’ um die Heimat der Zukunft,
stürmende Jugend der Welt!“

Uns’re verdurstenden Seelen
wurden da stiller und klar,
unsere leuchtenden Blicke
suchten der Mitkämpfer Schar,
suchten die nachtschwarze Fahne,
hörten ihr forderndes Weh’n:
„Auf, Anarchisten, zum Kampfe!
Auf, – eine Welt will erstehn!
Arbeiter, nehmt die Maschinen!
Bauern, nehmt euch das Feld!
Vorwärts, erzwing’ dir die Zukunft,
stürmende Jugend der Welt!“

H.G. Grimm, „Sturmvolk“(1923)


Literatur:

Linse, Ulrich: Die anarchistische und
anarcho-syndikalistische Jugendbewegung 1918-1933. Zur Geschichte und
Ideologie der anarchistischen, syndikalistischen und unionistischen
Kinder- und Jugendorganisationen, Frankfurt/M. 1976

Veith,
Martin:
Eine Revolution für die Anarchie. Zur Geschichte der
Anarcho-Syndikalistischen Jugend (ASJ) im Großraum Stuttgart
1990–1993, Verlag Edition AV, Lich 2009

„Direkte Aktion“: „Von Null auf
Hundert. Die Organisierung von Jugendlichen in der und um die FAU“
,
Nr. 193 (Mai/Juni 2009)

www.syndikalismusforschung.info

ASJ-Gruppen, aktuell:
http://www.fau.org/jugend/art_090402-103936

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