Erwerbslosenprojekte in Deutschland

Als Anfang 2005 die
Proteste gegen die Hartz-Gesetze verebbten, wurde auch den Letzten
klar, dass dieser Gesellschaftszustand nicht so einfach
wegzudemonstrieren ist. Nach den Montagsdemonstrationen mussten
andere Möglichkeiten gefunden werden, um die Lage der
ALG-II-EmpfängerInnen konkret zu verbessern.

Aus dieser Situation
heraus entstand im Leipziger Aktionskreis für Demokratie und
Soziale Politik (DSP)
die Idee, eine Tafel zu organisieren, mit
der nicht nur Abhilfe geschaffen werden sollte, was die
entwürdigenden Zustände betrifft, wie sie bei existierenden
Angeboten vorherrschen. Die BesucherInnen sollten auch angeregt
werden, selbst aktiv zu werden. Jener Aktionskreis gründete
daraufhin den Verein „Sozialwerk-DSP Kleider und Tafel e.V.“ als
Trägerverein des Projektes. Die ersten Besucher waren u.a.
TeilnehmerInnen der Montagsdemonstrationen.

Für das Projekt wurde
ein „Wächterhaus“, d.h. ein leerstehendes Haus, das im Rahmen
eines kommunalen Programms zu günstigen Konditionen an
sanierungswillige NutzerInnen übergeben wird, angemietet und
notdürftig saniert – alles in ehrenamtlicher Arbeit. Ehrenamtlich
ging und geht auch das Heranholen und Verteilen von
Lebensmittelspenden vonstatten. Desweiteren gehen regelmäßig
Kleider- und Haushaltswaren-Spenden ein, die sortiert und verteilt
werden. Durch Haushaltsauflösungen können, neben normalen Möbeln,
auch Fernsehapparate, Videorecorder oder Kühlschränke verteilt
werden. Diese „höherwertigen Haushaltsgegenstände“ werden in
erster Linie an die Helfenden abgegeben, die – zu 30 bis 50 Prozent
– auch im Projekt mitarbeiten.

Die zentrale Aktivität
ist die Lebensmittelausgabe, welche samstags und in geringerem Maße
dienstags und freitags stattfindet. Jeden Freitag können
Haushaltswaren und Kleidung mitgenommen und eine Rechtsberatung in
Anspruch genommen werden. In der Wartezeit sitzen die BesucherInnen
bei Kaffee und Kuchen. Bei der folgenden Ausgabe teilen sie einfach
mit, was sie benötigen.

Wegen des guten Images
des Sozialwerkes wechselten sowohl BesucherInnen als auch
SpenderInnen von der Tafel e.V. über. Hetzartikel in der Leipziger
Volkszeitung
und eine „anonyme“ Anzeige beim Gesundheitsamt
änderten daran nichts und führten zu noch mehr InteressentInnen,
während dagegen die alte, etablierte Tafel tatsächlich aus
hygienischen Gründen geschlossen werden musste.

Finanziert wird das
Sozialwerk hauptsächlich über eine Teilnehmergebühr (5 Euro bei
ALG II), die nur in den Monaten gezahlt wird, in denen man das
Angebot nutzt. Neben materieller und rechtlicher Hilfe finden zudem
ein monatlicher Spieleabend und politische Veranstaltungen statt,
z.B. mit dem Sozialforum, dem Neuen Forum oder der FAU. Eine
Bibliothek ist momentan im Entstehen.

Koordiniert wird die
Arbeit bei einem monatlichen Mitarbeiter- und Teilnehmerabendbrot. Da
der Vorstand des Sozialwerkes bei allen angestrebten Aktivitäten
formal das letzte Wort hat, kann zwar von Hierarchiefreiheit nicht
die Rede sein, doch bisher fand nichts statt, was die Beteiligten
nicht wollten. Zur Umsetzung einer Idee müssen immer Leute gefunden
werden, die auch mitmachen. Hier beginnt die Möglichkeit und
Notwendigkeit zur Selbstorganisation. Die ehrenamtliche Arbeit
geschieht nicht für andere, sondern für sich selbst und gleichsam
Betroffene. Das Sozialwerk ist eine Möglichkeit, sich jenseits von
amtlicher und parteipolitischer Bevormundung eigenverantwortlich mit
Kopf, Hand, Interessen und Fähigkeiten einzubringen, Kontakte zu
knüpfen und unabhängig aktiv zu werden.

Sozialwerk DSP
Eisenbahnstr. 109
04315 Leipzig

Öffnungszeiten:
Di. &
Fr. 13-15 Uhr; Sa ab 18 Uhr.

 

Serie
zu Erwerbslosenprojekte

Durch
die Vereinzelung außerhalb des Arbeitslebens ist es für Erwerbslose
oft schwer, sich zu organisieren. Dies könnte sich noch verstärken,
wenn der drohende Anstieg der Arbeitslosenzahlen tatsächlich
Realität werden sollte. Dann wird es umso wichtiger sein,
Möglichkeiten der gegenseitigen Hilfe zu finden. Die DA nimmt dies
als Anlass, auf die Suche nach Beispielen der Selbstorganisierung von
Erwerbslosen zu gehen – Projekte, Ideen und Konzepte, die wir in
den nächsten Monaten hier in Form einer kleinen Serie vorstellen
möchten.

 

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