Kein kalter Kaffee

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Die Wobblies – wie sich die Mitglieder der
Industrial Workers of the World (IWW) auch nennen – sind auch über
hundert Jahre nach der Gründung der Gewerkschaft nicht von der
Bildfläche verschwunden. Im Gegenteil: Momentan wächst die
Organisation in den USA schneller als die sozialpartnerschaftlichen
Gewerkschaften. Mit tausenden Mitgliedern im Land und einer
wachsenden Anzahl von Militanten weltweit setzt die ”One Big Union”
den Kampf gegen die Bosse in etlichen Branchen fort. Sie führt ihre
Konflikte nach wie vor auf der Basis des Grundprinzips, welches sie
sich bei ihrer Gründung auf die Fahnen schrieb: Die Arbeiterklasse
und die Bosse haben nichts gemein! Dieser Artikel beleuchtet einige
der aktuellen Konflikte der Wobblies.

Die momentan sicherlich aktivste Gewerkschaft in der IWW ist die
Starbucks Workers Union (SWU). Seit 2004 hat sie weltweit Hunderte
von Baristas organisiert. Sie feiert in diesem Jahr ihr fünfjähriges
Bestehen.

Am fünften Mai dieses Jahres gab die SWU die
Gründung der ersten Gewerkschaft von Starbucks Workers in
Lateinamerika bekannt, dem Sindicato de Trabajadores de Starbucks
Coffee Chile S.A. Die ArbeiterInnen in Santiago fordern unter anderem
einen verlässlichen Dienstplan, einen respektvollen Umgang am
Arbeitsplatz und einen Lohn, von dem man leben kann. “Starbucks
gibt es jetzt seit 6 Jahren in Chile. In diesem Zeitraum wurde die
Kommunikation des Managements mit den ArbeiterInnen permanent
schlechter”, sagt der Organizer Andrés Giordano. “Es gab einige
Schikanen gegen KollegInnen, welche konstruktive Kritik am Management
aufgrund von Entlassungen und den mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten
für Baristas äußerten”, fügt er hinzu. Dagegen wollen sie sich
zukünftig zur Wehr setzen.

Am 14. Juli gaben Baristas in Quebec (Kanada) ihren
Eintritt in die Gewerkschaft bekannt, sie sind die ersten
ArbeiterInnen der Kaffeekette, die sich in der Provinz organisieren.
Der Arbeiter Simon Gosselin meint, der Tropfen, der das Fass zum
Überlaufen brachte, seien die ”unfairen” Veränderungen der
Arbeitsbedingungen. Die mehrheitlich studentischen Lohnabhängigen
sollen nun mindestens 24 Stunden die Woche arbeiten oder gehen.
”Bisher habe ich 12 bis 16 Stunden gearbeitet, die meisten anderen
Beschäftigten auch und niemand von uns wird mehr in der Lage sein,
es so zu machen,” sagt Gosselin. Das Studium und die Lohnarbeit zu
verbinden, wird auch in Kanada zunehmend unmöglich, wogegen die
Starbucks Workers in Quebec nun Widerstand leisten.

Das Bollwerk der SWU bleibt aber die Region der
”Twin Cities”, Minneapolis und St. Paul in Minnesota. Am 8. Juli
feuerte Starbucks eine migrantische Barista namens ”Aizze” in St.
Paul. Das Management beschuldigte sie des Diebstahls, ohne allerdings
Beweise vorzulegen. Anschließend legte die Regionalgeschäftsleiterin
der Starbucks-Kette, Claire Gallagher, nach, indem sie die schlechten
Englischkenntnisse der Entlassenen ausnutzte und sie dazu brachte,
einen Schuldschein zu unterzeichnen, in dem sie sich dazu
verpflichtete, den willkürlich festgelegten Betrag von 1.200 Dollar
zu bezahlen. Die Gewerkschaft organisierte dagegen eine Kampagne mit
der Aizzes sofortige Wiedereinstellung, die sofortige Rücknahme der
finanziellen Forderungen seitens Starbucks und eine formelle
Entschuldigung gefordert wird.

Die Kampagne gegen die
Werbeagentur

In letzter Zeit protestieren gekündigte
ArbeiterInnen gegen die Havas Media Planning Group (MPG). Die
Werbeagentur, die mehrstellige Millionenumsätze macht und einige der
größten Konzerne der Welt zu ihren Kunden zählt, entließ ungefähr
11% ihrer Belegschaft, in erster Linie in der Zentrale in New York.
Die Firma begründete dies damit, dass sie Ressourcen frei machen
müsse, um ihr Wachstum zu fördern. In einem Artikel im “Media
Buyers Planner” schrieb der Geschäftsführer für MPG-Nordamerika,
Shaun Holliday, dass “die Reduzierung der Arbeitsplätze nicht
erfolgt, weil das Geschäft auf einen profitablen Kern reduziert
werden soll, sondern – im Gegenteil – weil das Wachstum
angefeuert werden muss.” Doch der Mediengigant rechnete nicht
damit, dass einer seiner ehemaligen Angestellten, das IWW-Mitglied
Joseph Sanchez, seine arbeiterfeindliche Praxis an die Öffentlichkeit
tragen würde. “Dieser extrem profitable Konzern hat mich
entlassen, nur um sich Extrageld in seine Taschen stecken zu können”,
sagt Sanchez, der in der Buchhaltung arbeitete. IWW Mitglieder haben
deshalb damit begonnen, die Kunden der Einzelhandelskette “Kmart”,
die sehr gute Geschäftsbeziehungen zu MPG unterhält, über deren
Machenschaften zu informieren. Jede Woche verteilen AktivistInnen in
New York Flugblätter an die KundInnen von Kmart. Dadurch soll Kmart
dazu gebracht werden, sich nicht mehr von MPG bewerben zu lassen, bis
faire Abfindungen für die entlassenen ArbeiterInnen ausgehandelt
würden. “Kmart sollte seinen Einfluss geltend machen, um
sicherzustellen, dass MPG seinen ethischen Verpflichtungen gegenüber
seinen Angestellten nachkommt”, meint Mykke Holcomb, Organizer der
IWW New York. “In dieser Wirtschaftsordnung ist eine angemessene
Abfindung unverzichtbar”, fügt er hinzu.

2008 hatte die MPG-Muttergesellschaft Havas – der
sechstgrößte Medienkonzern weltweit – wachsende Profite von 25%
zu verzeichnen. Im Januar 2009 entschied sich Virgine Mobile dafür,
bei MPG anzudocken. Virgin bezahlt schätzungsweise 15-20 Millionen
Dollar jedes Jahr für die Beratung. Im Februar 2009 entschied sich
CBS-Film für MPG, was schätzungsweise 100 Millionen Dollar pro Jahr
einbringen dürfte. Obwohl es der Firma derart gut geht, gewährt sie
ihren ehemaligen ArbeiterInnen nur eine Abfindung, die für ca. vier
Wochen zum Leben reicht. Sanchez meint, dass es einfach nicht möglich
ist, in dieser Zeit einen neuen Job zu finden. ”Statt meinen Lohn
verdienen zu können, bin ich nun auf Arbeitslosengeld und
Essensmarken angewiesen.” Als Sanchez und seine KollegInnen
entlassen wurden, legte MPG ihnen ein ”Trennungsabkommen” vor,
welches sie unterzeichnen sollten, bevor sie ihre Abfindungen
erhielten. Darin war die Klausel enthalten, dass die ehemaligen
Angestellten die Firma ”in keiner Weise schlecht machen werden”.
Nichtsdestotrotz fordern die ehemaligen Angestellten nun die
Auszahlung von fairen Abfindungen.

Die IWW in Portland unterstützt währenddessen
SozialarbeiterInnen bei Streetlight/Porchlight Youth Shelters, einem
Verein, der Unterkünfte für obdachlose Jugendliche zur Verfügung
stellt. Die ArbeiterInnen werden von Janus Youth Programs bezahlt und
befanden sich mit diesen seit Januar 2009 in Verhandlungen, um höhere
Löhne zu erreichen. Das Management von Janus verschleppte jedoch
eine Einigung und enthielt den Beschäftigten wichtige Informationen
vor. Die IWW reichte daraufhin eine Beschwerde beim National Labor
Relations Board (NLRB) ein und legte Beweise vor, die belegen, dass
Janus Scheintarifverhandlungen führte, um die Beschäftigten zu
zermürben. Janus verweigert weiterhin jede Einigung, auch zu den
einfachsten Forderungen der Gewerkschaft. Die IWW beantwortet dies
mit einer internationalen Telefon- und E-Mail-Kampagne gegen Janus.

No one is illegal!

Seit April 2009 setzen sich lokale Organizer
gemeinsam mit der Southwest Workers’ Union und Mitgliedern der IWW
für Gerechtigkeit im Abschiebeknast von Port Isabel (PIDC) in Texas
ein. Sie unterstützen dort Menschen im Hungerstreik, unter anderem
durch wöchentliche Besuche bei den Inhaftierten.

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Der Hungerstreik wird eingesetzt, um ein Ende der
inhumanen Haftbedingungen durchzusetzen, unter denen die
migrantischen ArbeiterInnen leiden. Der Hungerstreik weitete sich
aus, bis 200 Häftlinge beteiligt waren. Sie fordern ein ordentliches
Gerichtsverfahren, ausreichende medizinische Versorgung für alle
Häftlinge, Zugang zu juristischen Verteidigungsmöglichkeiten und
ein Ende der physischen und psychischen Misshandlungen durch die
Wärter der Einrichtung. Der Sprecher der Hungerstreikenden ist Rama
Carty. Er wurde in der Demokratischen Republik Kongo von
haitianischen Eltern geboren und lebt seit über 38 Jahren in den
USA. Am 3. Juni um ca. 6.15 Uhr bekam das Mitglied der Southwest
Workers’ Union Nadezhda Garza einen Anruf von einem Häftling aus
dem PIDC. Rama Carty war von vier privaten Sicherheitskräften und
einem Beamten um 5.45 Uhr angegriffen worden. Zwei offizielle
Beobachter von Amnesty International waren bereits seit dem 2. Juni
im PIDC gewesen, um über die Bedingungen in der Einrichtung zu
berichten. Sie trafen Carty am Tag vor dem Übergriff. Seine Bitte,
mit ihnen erneut reden zu dürfen, ignorierten die Sicherheitskräfte.
Als sich Rama Carty beschwerte, wurde er von den Wärtern mit Gewalt
in eine Zelle geschleppt.

Die SWU und die IWW organisierten um 13.30 Uhr eine
Kundgebung vor dem PIDC und forderten den sofortigen Stopp der
Abschiebung von Rama Carty. “Die Hungerstreikenden sind die
Speerspitze der Bewegung gegen die inhumane Inhaftierung von
migrantischen ArbeiterInnen, wir sollten diesen Kampf als einen Teil
des allgemeinen Klassenkampfes sehen”, schrieb der IWW-Organizer
Greg Rodriguez.

Am 22. Juli unterstützten Mitglieder der IWW eine
Demonstration, die von der Unified Taxi Worker Alliance (UTWA)
organisiert wurde. 5.000 Taxifahrer protestierten vor der City Hall
für eine faire Praxis im Bezug auf Strafzettel, eine Reduzierung der
Steuern für die Taxibranche und die Rückgabe von Geldern, die den
Fahrern aus Kreditkartenzahlungen vorenthalten werden. Nach einem
Bericht des IWW-Mitglieds J. Pierce war jede Taxifirma der Stadt vor
Ort durch FahrerInnen vertreten. FahrerInnen, die sich nicht am
Protest beteiligten, wurden durch die AktivistInnen nachdrücklich
dazu aufgefordert, ihre Haltung zu überdenken. Die Proteste mündeten
in einen zweistündigen Streik, der im Getriebe der Stadt deutlich zu
vernehmen war.

Die IWW wird auch weiterhin ihre Doppelstrategie
verfolgen, einerseits eigene Kämpfe auszufechten und andererseits
die allgemeinen Klassenkämpfe in den USA und weltweit zu
unterstützen. Dieser Artikel gibt nur einen flüchtigen Einblick in
die Arbeit, die unsere Gewerkschaft leistet. Wir sind vertreten in
verschiedenen Branchen in Kanada, Deutschland, Großbritannien,
Australien und sogar Japan, um nur einige Länder zu nennen. Als
Gewerkschaft arbeiten wir unter den Prinzipien der Direkten Aktion
und der Solidarität und bleiben unserer Verpflichtung treu, die
Flamme des Klassenkampfes hoch zu halten.

Mit Beiträgen von Greg Rodriguez, J. Pierce und der
IWW Starbucks Workers Union.

Diana Krauthamer ist freie Journalistin und
Redakteurin des “Industrial Worker”, der Zeitung der IWW.
Kontakt: iw@iww.org

Mehr Informationen über diese und weitere aktuelle
Konflikte der Industrial Workers of the World finden sich auf
www.iww.org.

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