„Kampfbühnen“ des Syndikalismus

Ankündigung einer antimilitaristischen Kundgebung der FAUD aus dem Jahre 1931. Eine Aufführung der „Kampftruppe – Es blitzt“ wurde polizeilich verboten

Die stärkste Waffe der
Arbeiterschaft ist der Streik, und die Mächtigkeit der organisierten
Arbeiterbewegung zeigt sich in den Produktionsstätten. Daher ist der
Anarcho-Syndikalismus eine Gewerkschaftsbewegung. Dennoch geht ihr
Anspruch weit darüber hinaus, nämlich eine Kultur der Solidarität
und der gegenseitigen Hilfe zu schaffen, eine „Freie Gesellschaft“
mit Individuen, deren Handeln „vom Geiste persönlicher
Verantwortung“ getragen wird. Die Aktiven nahmen vor 80 Jahren
regen Anteil an der Arbeiterkulturbewegung, welche durch eine
Vielzahl von Organisationen und Initiativen Präsenz zeigte. Im
sportlichen Bereich gab es beispielsweise Arbeiterradfahrer-Bünde
oder Arbeiter-Schachvereine. Im Bereich der Künste formierten sich
proletarische Gruppen entlang der Themen Literatur, Gesang und
Theater mit regelmäßigen Proben und öffentlichen Auftritten. Was
heute unter dem Namen „Straßentheater“ bekannt ist, wurde damals
allgemein unter „Agitation und Propaganda“, kurz „Agit-Prop“
zusammengefasst. Diese Aktivitäten bildeten, ähnlich wie die Chöre,
meistens das Beiprogramm zu den Veranstaltungen und Versammlungen der
Arbeiterorganisationen, so auch bei den Anarcho-Syndikalisten der
späten 1920er Jahre. In der bisherigen (Fach-) Literatur finden sich
nur sehr wenige Hinweise auf diese Bewegung.

Entstehung

In den zeitgenössischen Periodika und
geheimen Polizeiberichten wird an manchen Stellen von „Kampfbühnen“
und von „Schwarzen Rebellen“ berichtet. Erste Hinweise finden
sich für das Jahr 1928. So hieß es in einem Polizeiarchiv: „Dem
Beispiel des kommunistischen Jugendverbandes folgend, die Methoden
der Agitation und Propaganda lebendiger und zugkräftiger zu
gestalten, sind auch die Anarcho-Syndikalisten dazu übergegangen,
ähnliche Propagandaeinrichtungen zur ‚volkstümlichen
Interpretation’ ihrer Ideen zu schaffen. Um die Mitte des Jahres
1928 entstand so im Bereich Groß-Thüringen eine aus neun bis zehn
Spielern bestehende ‚Kampfbühne’ als Wanderbühne für die
FAUD-Ortsgruppen Groß-Thüringens wie für Tournees im ganzen
Reich.“ „Der Syndikalist“, das Wochenorgan der
anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft FAUD (Freie Arbeiter-Union
Deutschlands), gibt unter dem Titel „Revolutionäre
Propagandakunst“ Aufschluss über den Inhalt der Aufführungen. Ins
Repertoire aufgenommen wurden bevorzugt Einakter und (Arbeiter-)
Schriftsteller wie Upton Sinclair („Singende Galgenvögel“) oder
Alexander Stern („Revue gegen den Krieg“). Beliebt waren auch
Heinrich Lersch („Ins Zuchthaus“) und besonders Erich Mühsam
entlang der Themen Antimilitarismus, Streik, Solidarität, „Raus
die Gefangenen!“. Letzteres bezog sich besonders auf Nicola Sacco
und Bartolomeo Vanzetti, zwei inhaftierte und 1927 in den USA
hingerichtete Anarchisten, für die es eine jahrelange internationale
Protestwelle zur Freilassung gegeben hatte. Diese erste „Kampfbühne“
hatte ihren Sitz in Erfurt, fand in den folgenden Jahren jedoch
weiten Zuspruch mit Gründungsinitiativen in anderen Landesteilen.
Getragen wurden sie besonders von Mitgliedern der
syndikalistisch-anarchistischen Jugend, welche das Thema
Theaterbühnen auf ihrem Reichskongress Ende 1928 gesondert
behandelte.

Regional

Schon im Januar 1929 wurde eine weitere
„Kampfbühne“ für den Raum Mannheim/Ludwigshafen gegründet,
begrüßt als „neue, junge Bestrebung“. Sie gab sich den Namen
„Schwarze Rebellen“ und hatte ihren ersten Auftritt Ende März
1929 beim Ostertreffen der SAJD-Rhein-Main-Gau in Mannheim. Von den
Gruppen der FAUD unterstützt, wuchs sie heran auf zwei Spielgruppen
mit je sieben und 14 Mitgliedern. Bei einem Auftritt vor etwa 300
Zuschauern in Worms zogen sie im April 1929 auch Interessierte der
KPD und des Roten Frontkämpferbundes an, was darauf hindeutet, dass
ihre Popularität weit über die Kreise der veranstaltenden
Anarcho-Syndikalisten hinausging. Zeitgleich entstand in Düsseldorf
eine „Schwarze Schar“.[1] Diese hatte nach eigenen Angaben die
Aufgabe, „den Gruppen der FAUD durch bildliche Darstellungen ihre
Propaganda zu erleichtern. Das Betätigungsfeld der Bühne erstreckt
sich nur über Rheinland und Westfalen, darüber hinaus kann sich die
Bühne nicht verpflichten.“ Mit Inseraten suchten sie spezielle
Kleidungsstücke – Militäruniformen. Diese Theatergruppe spielte
im Frühjahr 1929 zum Ostertreffen der SAJD in Aachen: „In der
Abendveranstaltung am Samstag zeigte die ‚Schwarze Schar’ der
Düsseldorfer Jugend ihr Können. U.a. führte sie, ‚Die
Gekreuzigten’ von Stern auf. Letztes legte Zeugnis ab vom Opfermut
und Schaffensfreudigkeit. Nochmals spielte die ‚Schwarze Schar’
[am zweiten Tag des Treffens] in uneigennütziger Weise den ‚Roten
Heiland’.“

In Offenbach traten die „Schwarzen
Rebellen“ im Straßenbild in Erscheinung. Abermals horchte die
Polizei auf: „Am 3. und 4.8.1929 fand in Offenbach ein Treffen der
‚Gemeinschaft proletarischer Freidenker, Bezirk Rhein-Main’
statt. Man protestierte gegen Konkordat und Verchristlichung der
Hessischen Simultanschule. Am 3.8.1929 nachmittags fuhr ein Auto mit
Mitgliedern der ‚Kampfbühne’ in schwerer Kleidung durch die
Straßen Offenbachs, von dem Auto aus wurden Flugblätter verteilt.
Abends fand im Stadtgarten eine öffentliche Versammlung statt, in
der Erich Mühsam – Berlin über das Thema ‚Der Abwehrkampf der
Arbeiterklasse gegen die Kulturreaktion’ referierte. Die
Versammlung war von etwa 200 Personen besucht. Vor Beginn des
Referats trug ein Sprechchor der ‚Schwarzen Rebellen’ in
schwarzer Kleidung (die Bühne war in rot gehalten) ein Kampfgedicht
gegen die Versklavung der Arbeiter vor.“

Fortan spielten die Bühnen zu weiteren
Gelegenheiten, so 1929 beim SAJD-Reichstreffen in Kassel vor vielen
Hundert Teilnehmern, bei einer SAJD-Reichskonferenz Rhein-Main im
Jahre 1930 und in Wuppertal zum Todestag von Sacco und Vanzetti, wo
sie das Stück „Staatsraison“ von Erich Mühsam aufführten.
Begleitet wurden sie dabei von den „Freien Sängern“ und dem
Sprechchor der „Jungen Anarchisten“ Wuppertals. Geografisch
erstreckte sich das Aktionsfeld der „Kampfbühnen“ schon bald
weiter in den Süden bis hin nach Stuttgart, wo sie im April 1930
zusammen mit dem oben genannten Dichter auftraten. In Berlin wurde im
August 1931 eine Aufführung der dortigen „Kampftruppe – Es
blitzt“ polizeilich verboten.

Bewertung

Die „Kampfbühnen“ bildeten keine
überregionale, einheitliche Organisation mit zentralem Sitz. Dennoch
erfreuten sich ihre Aufführungen großer Beliebtheit, was sowohl die
hohen Zuschauerzahlen, die Anlässe ihrer Aufführungen als auch die
Vielschichtigkeit des Publikums bezeugen. Zügig und mit Begeisterung
konnten neue Initiativen gegründet werden mit breiter regionaler
Auslastung. Wenngleich dieser anarcho-syndikalistischen
„Kampfbühnen“-Bewegung durch den Machtantritt der Nazis im Jahre
1933 keine hohe Lebensdauer beschieden war, so kann sie für einige
Regionen als bedeutender Teil der anarcho-syndikalistischen
Kulturbewegung eingeschätzt werden.

Anmerkungen

[1] Diese „Kampfbühnen“ sind nicht
zu verwechseln mit der späteren anarcho-syndikalistischen
Kampforganisation „Schwarze Scharen“, vgl. Direkte
Aktion Nr. 195 (September/Oktober 2009)

 


Staatsraison (Auszug)
Brüder, euer Name lebt
unsern Fahnen eingewebt
ewig unvergänglich.
Wenn die rote Freiheitsflamme loht,
soll ihr Glanz der Welt verkünden
euern Kampf und euern Tod.

Treue euerm kühnen Geist,
der den Weg der Zukunft weist.
Brüder, wir geloben:
Was euch leiden ließ der Mörder
Staat,
jede Stunde eurer Qualen
sei ein Hebel unserer Tat.

Kampf sei euer Dank und Lohn,
Kampf dem Staat, der Reaktion,
Kampf bis zu dem Tage,
da der Spuk der Macht in Staub
zerrinnt,
wenn in jedem Land auf Erde
sich das Arbeitsvolk besinnt.

Brüder, die ihr für uns starbt,
euer Blut fließt unvernarbt,
bis die Massen siegen.
Klassenkampf und Solidarität
geben in die Hand des Volkes
Land, Fabrik und Feldgerät.

Eure Sehnsucht, eure Pein,
soll uns Stern und Geißel sein,
Sacco und Vanzetti!
Euer Beispiel stirbt der Menschheit
nie.
Freie Welt sei euer Denkmal
Sozialismus, Anarchie!

Erich Mühsam

Die Hinrichtung der Anarchisten Sacco
und Vanzetti 1927 führte zu weltweiten Protesten und Angriffen auf
amerikanische Geschäfte, Autos und Kinos. Die US-amerikanische
Botschaft in Paris wurde mit Panzern geschützt. Bei den größten
Demonstrationen der Weimarer Republik, kam es in Deutschland zu sechs
Todesfällen. Die Aufführung von Erich Mühsams Drama „Staatsraison“
über diesen Fall von Klassenjustiz durch die „Kampfbühnen“
sorgte für weitere Empörung und dafür, dass Sacco und Vanzetti
unvergessen blieben.

Und heute?
Wer kennt das nicht: Je
länger die Redebeiträge bei Demonstrationen sind, desto eher werden
sie ignoriert. Kostümierte und/oder szenische Darstellungen der
Kritik und des Kampfes in Form von „lebenden Bildern“ bis hin zu
theaterhaften Inszenierungen erzielen eher Wirkung. Agit-Prop-Theater
muss hierbei nicht auf eine klar umrissene Bühne begrenzt sein.
(red. Beitrag)

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