Truckstop im Norden

Ver.di hatte die Trucker eigentlich schon aufgegeben. Der letzte richtige Arbeitskampf fand 1983 noch unter der ÖTV statt. Er wurde durch einen großen Polizeieinsatz beendet. Die Gewerkschaft hat man mit einer Welle von Klagen überzogen, die sie eine zweistellige Millionensumme kostete. Wirtschaft und Staat haben wenig Verständnis für Unruhe in einer Branche, von der alle Wirtschaftszweige abhängig sind.

Ver.di erklärte die Trucker kurzerhand für nicht organisierbar. Und so völlig aus der Luft gegriffen ist diese Behauptung nicht. In wenigen Branchen sind die Beschäftigten so vereinzelt wie in der Transportwirtschaft. Unter LKW-Fahrer herrscht eine Kultur des Einzelkämpfertums, und nicht wenige sehen sich als moderne Cowboys. Es fehlt die Kampfestradition der Mittelmeerländer, und man ist untereinander zerstritten.

Mit der in Brüssel beschlossenen Deregulierung im Transportgewerbe kam es zu einem internationalen Verdrängungswettbewerb mit der Folge von Ausflaggungen in Billiglohnländer, dem Sinken der Transportpreise und dem freien Fall der Arbeitsbedingungen der Fahrer. 2011 gründeten sich die Kraftfahrerclubs Deutschlands (KCD) als Versuch einer Selbstorganisierung für Berufskraftfahrer. 2012 stellten sie einen internationalen Protest auf einem Autohof bei Braunschweig auf die Beine. Es war eine bunte Mischung an Redner von Fahrer und Unternehmerorganisationen verschiedener Länder geladen. Ein spanischer Aktivist der CNT war dabei, doch Ver.di ließ sich wegen der Ferienzeit entschuldigen.

Es schien, als seien selbst die osteuropäischen Löhne noch zu hoch, als die in Lübeck ansässige lettische Spedition Dinotrans ankündigte, Fahrer von den Philippinen anzuheuern. Es kam europaweit zu einem Aufschrei der Empörung, der sich zuerst im Internet seinen Weg bahnte. Die in den Niederlanden gestartete Facebookgruppe Actie in de Transport (Transportwesen in Aktion) hat mehrere zehntausend Mitglieder in zehn europäischen Ländern. Die Betreiber der deutschen Facebookgruppe wurden selbst zu Aktivisten bei der Selbstorganisierung der Fahrer. Actie in de Transport Germany organisierte Stammtische und Informationsveranstaltungen für Fahrer. Gemeinsam mit dem KCD wurde die erste zentrale Fahrerdemo in Berlin im Sommer dieses Jahres vorbereitet. Gegen die in dem Gewerbe nicht seltenen rassistischen Töne lud man eine Sprecherin einer tschechischen Fahrerorganisation ein. Sie beschrieb die Arbeitsbedingungen in dem osteuropäischen Land, um klarzumachen, dass es um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen überall geht und nicht um nationales Konkurrenzdenken.

Ver.di erkannte, dass etwas ohne ihr eigenes Zutun in Bewegung gekommen ist, versuchte auf den fahrenden Zug aufzuspringen und begab sich erstmals in ihrer Geschichte auf das Rednerpodium einer von einfachen Fahrern organisierten Veranstaltung. Die Deutsche Logistik-Zeitung titelte: „Fahrer protestieren an Ver.di vorbei“ und fügte hinzu: „Wie viele Facebook-Einträge nach der Demonstration zeigten, können die deutschen Fahrer das Gewerkschafts-Mantra ‚Werdet erst einmal Mitglieder, dann können wir uns auch um Euch kümmern‘ schlicht nicht mehr hören.“ Es war nicht nötig, die Kommentare bei Facebook zu lesen, um zu erkennen, wie weit sich die Gewerkschaft von den Interessen der Fahrer entfernt hat. Während der Gewerkschaftsrede verließ rund die Hälfte der Teilnehmer die Kundgebung.

Eine kleine Aktion in Flensburg Ende Juli schlug hohe Wellen. Einer vom KCD organisierten und von der FAU tatkräftig unterstützten Mahnwache gelang es, die Aushebelung dänischer Tarife durch die Einrichtung von Briefkastenfirmen im Niedriglohnland Deutschland einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Medien berichteten bundesweit über die symbolische Aktion, doch die Reportage des dänischen Fernsehens über die Aktion und deren Hintergründe löste eine Woge der Entrüstung aus. Vertreter der Politik, Gewerkschaften und Arbeitgeber sahen sich gezwungen, sich öffentlich zu dieser Praxis zu äußern. Inzwischen kündigte die dänische Transportministerin Pia Olsen Dyhr an, in dieser Sache die deutschen Behörden aufzufordern, ihrer Verpflichtung zur Kontrolle der dort angemeldeten Gewerbe nachzukommen. Der Flensburger Bürgermeister versprach die Rechtmäßigkeit der Niederlassung skandinavischer Speditionen in der Grenzregion zu überprüfen.

Nur ein geringer Teil der Fahrer – es sind fast eine Million – bewegt schwere Trucks im internationalen Verkehr. Es gibt auch die Scheinselbstständigen, die mit den Lieferwagen der Paketdienste oder mit dem eigenen PKW die Sendungen des explodierenden Internethandels ausliefern. Die Arbeitsbedingungen dieser Branche sind schlichtweg unterirdisch. Auch in diesem Bereich gab es den ersten Versuch der Selbstorganisierung. Einer Malocherin der Paketdienstbranche gelang es mit Hilfe des Internets, der Wut und Verzweiflung der prekär Beschäftigten eine Stimme zu verleihen. Mit den im Netz geknüpften Kontakten wurde der erste öffentliche Protest in Köln organisiert. Der Trupp von rund 50 demonstrierenden Zusteller mag recht überschaubar gewesen sein, doch wurde er von einem beeindruckenden Konvoi hupender LKW begleitet, denn Actie in de Transport hatte zur Unterstützung der Paketdienstleister aufgerufen.

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