Riders Unite! Der Widerstand der Lieferdienstkuriere gegen Ausbeutung auf Abruf

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Das Ziel der Online-Lieferdienste ist es, neue Standards durchzusetzen – nicht nur in Bezug auf die Lieferbarkeit von Essen, sondern auch in Bezug auf die Flexibilisierung der Arbeit, mit der die Unternehmen ganz offen werben. Aber wie sieht der Arbeitsalltag der ArbeiterInnen wirklich aus und um wessen Flexibilität geht es hier? In immer mehr Städten melden sich nun die FahrerInnen selbst zu Wort, beginnen sich zu organisieren und mit der #deliverunion-Kampagne auch international zu vernetzen. In Berlin, wo Foodora seinen Firmensitz hat und Deliveroo seine deutsche Zentrale, wo also der Konkurrenzkampf zwischen beiden Unternehmen ausgetragen wird, sind zahlreiche FahrerInnen der FAU beigetreten, um mit ihr für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen.

Wer für die Online-Lieferdienste in die Pedale tritt, kann die Erfahrung machen, dass die Flexibilität, mit der die Unternehmen werben, nur einseitig von den FahrerInnen eingefordert wird. So beklagen FahrerInnen, dass kurzfristig Schichtpläne geändert werden und sie nach Schichtende noch Aufträge annehmen oder über ihr Zustellgebiet hinausfahren sollen. „Mein Job ist so flexibel, dass ich nicht weiß, wie viele Schichten ich im nächsten Monat haben werde. Ich hoffe, dass mein Vermieter auch so flexibel sein wird, wenn ich meine Miete nicht zahlen kann“ – das Zitat von Alex*, eines in der FAU Berlin organisierten Fahrers taugt zum Arbeiterwitz und ist bittere Realität.

Die FahrerInnen müssen alle Arbeitsmittel selbst mitbringen –  Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Urlaubsgeld sind nicht selbstverständliche Leistungen

Der Stundenlohn für die Kuriere beider Unternehmen liegt nur wenige Cent überm Mindestlohn und deutlich unterm Mindestbestellwert auf den beiden Online-Portalen. Dabei wird aber weder die Zeit für die Schichtplanung einberechnet, noch die Zeit für Fahrradreparaturen. Denn mit Ausnahme der Rucksäcke und kaum wettertauglicher Jacken müssen die ArbeiterInnen alle Arbeitsmittel selbst mitbringen. Wird das Smartphone gestohlen oder muss das Fahrrad repariert werden, fallen Schichten weg und der Lohn bleibt aus. FahrerInnen berichten, es gehe in den Zentralen häufig chaotisch zu und es herrsche kaum Transparenz über die Auftragsvergabe. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Urlaubsgeld seien mehr Verhandlungssache als selbstverständliche Leistungen. Die FahrerInnen haben zu kämpfen, um jede verlängerte Befristung, um jeden Wochentag, um jeden Auftrag. Gig-Economy, also das Vermitteln von Arbeitsaufträge an eine Vielzahl von ArbeiterInnen über Online-Plattformen (z.B. auch Uber, Helpling oder Upwork), heißt eben auch: Es gibt mehr ArbeiterInnen als Jobs. So funktioniert die Gig-Economy letztlich ganz ähnlich wie der «Arbeitsstrich», auf dem Tagelöhner auf Verdienstmöglichkeiten warten.

In London organisierten Deliveroo-FahrerInnen eine Woche lang einen wilden Streik und wehrten sich zunächst erfolgreich gegen die Umstellung der Bezahlung auf reinen Stücklohn – eine Auseinandersetzung, die andauert. Die Bilder, die durch die Presse gingen, widerlegten aber die Behauptung, die überwiegend jungen Gig-Ökonomie-ArbeiterInnen hätten kein Klassenbewusstsein. London wurde so inspirierendes Vorbild. Inzwischen haben Deliveroo-Betriebsgruppen der Basisgewerkschaften IWW und IWGB u.a. in Leeds, Brighton und Bristol auf sich aufmerksam gemacht und höheren Stundenlohn sowie besseres Schicht-Management durch Einstellungsstopp gefordert.

Durch den Druck von der Straße konnte die Debatte um Scheinselbstständigkeit bei Deliveroo bis ins Parlament getragen werden

So zogen streikende Deliveroo-FahrerInnen in Brighton mit Fahnen und Megafon von Restaurant zu Restaurant und holten Unterschriften für bessere Arbeitsbedingungen vom zuliefernden Restaurantpersonal ein. Durch den Druck von der Straße konnte die Debatte um Scheinselbstständigkeit bei Deliveroo bis ins Parlament getragen werden. Bereits im vergangenen Jahr war es ebenfalls selbstorganisierten Foodora-Betriebsgruppen in Norditalien durch Streiks und Protestaktionen in Norditalien gelungen, höhere Stundenlöhne durchzusetzen. Die grenzüberschreitende Weitergabe von Wissen und Erfahrung hat mit der Ende 2016 gegründeten #deliverunion-Kampagne eingesetzt, an der mehr als ein Dutzend Basisgewerkschaften teilnehmen. Hauptproblem für die dauerhafte Etablierung resistenter gewerkschaftlicher Strukturen in den Unternehmen, bleibt jedoch die hohe Fluktuation.

Seit einiger Zeit füllt sich das Gewerkschaftslokal der FAU Berlin regelmäßig mit FahrerInnen, die sich gemeinsam unternehmens- und statusübergreifend in der neu gegründeten AG Lieferdienste engagieren. Viele der ArbeiterInnen kommen aus dem Ausland, haben sich bereits vorher organisiert, nicht zuletzt begünstigt durch die digitale Infrastruktur des Unternehmens, bis die FAU die verschiedenen Kuriergruppen zusammenbrachte. Sie fordern u.a. die Kostenübernahme für sämtliche Arbeitsmittel, Lohnerhöhungen von mehr als einem Euro pro Stunde/pro Zulieferung und  eine garantierte Stundenanzahl, mit der die FahrerInnen über die Runden kommen können.
Die Forderungen sind ein erstes Verhandlungsangebot an die globalen Start-Ups und Zeichen wachsenden Widerstandes in Zeiten des digitalen Kapitalismus. Die internationale Zusammensetzung der Beschäftigten und deren grenzüberschreitende Vernetzung sind dabei eine wichtige Ressource.

*Name von der Redaktion geändert.

Kontakt:
lieferdienst@fau.org
Infos zur Kampagne: https://berlin.fau.org/kaempfe/deliverunion
international: http://deliverunion.com/

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