Anarchie in der Schokoladenfabrik

Dass sich die Ideen der Anarchie in der dichtegestressten CH heute sogar am rechten Rand finden lassen, zeugt von ihrem Angekommensein jenseits der gesellschaftlichen Mitte. So ist zurzeit der bekannteste CH-Anarchist der weit rechts agierende Kabarettist Andreas Thiel (Gewinner des Deutschen Kabarettpreises 2013). Der Kabarettist will nicht vom bösen Staat beherrscht werden, hat aber nichts dagegen, dass die kapitalistische Ökonomie des freien Unternehmertums uns monarchistisch regiert.

Sind heute Teile der ursprünglichen Ideen der Anarchie (dekonstruiert und neu rezipiert) mehrheitsfähig geworden, so gelten Wörter wie Anarchismus in CH noch immer als hochexplosiv (Die NordwestCH, 11.1.14). Der Anarchismus, die Bewegung für die Anarchie, ist aber nie aus der CH-Gesellschaft verschwunden.

Radikale gegen Flüchtlinge

Die Ideen der Anarchie sind lange vor dem 19. Jahrhundert im Gebiet der heutigen CH nachweisbar. So berichten die Quellen von Männern und Frauen, die in der Reformationszeit jegliche Obrigkeit, ausser die Gottes, verneinten und verkündeten, dass sie „irer fryhait nach herz lust bruchen“. Für Europa war CH damals der Inbegriff von Chaos und Anarchie, und der Begriff Eidgenosse hatte seit der Reformation und den Bauernrebellionen überall die Bedeutung Rebell angenommen. Auch im 19. Jahrhundert glaubten viele, in den bürgerlichen, demokratischen Errungenschaften der 1848er-Bundesverfassung die anarchistische Gesellschaft zu erkennen. So war es denn nicht verwunderlich, dass viele Flüchtlinge, die im Widerstand gegen den europäischen Absolutismus standen, Zuflucht in CH suchten. Handwerkervereine, bestehend aus Hiesigen und Zugezogenen, publizierten 1843 in Lausanne eine der ersten anarchistischen Zeitungen in deutscher Sprache Die Blätter der Gegenwart. Aus den Vereinen entwickelten sich die ersten Gewerkschaften, die das Fundament für die spätere Fédération romande bildeten, aus der sich die Fédération jurassienne abspaltete. Die CH-ArbeiterInnenbewegung – auch ihre autoritäre Richtung – nahm dabei mehr auf Fourier, Stirner oder Proudhon als auf Marx Bezug. Einer, der von 1849-1851 in Lausanne eine große Menge anarchistischer Ideen entwickelte (so Max Nettlau), war der französische Flüchtling Ernest Cœurderoy. Er wurde Ende 1851 des Landes verwiesen, weil er die scheinheilige Flüchtlingspolitik der damals radikalen Waadtländer Regierung kritisierte. Nach Cœurderoy werden noch viele AnarchistInnen sein Schicksal als Ausgewiesene teilen müssen. 42 Jahre später wird der stark von Cœurderoy inspirierte Jacques Gross Luigi Bertoni, wohl einer der wichtigsten und umtriebigsten Anarchisten des 20. Jahrhunderts, von der Anarchie überzeugen. Gross war ein wichtiger Helfer und Geldgeber vieler anarchistischer Blätter wie der Most‘schen Freiheit (1879) und des Réveil/Risveglio (1900). Seit den 1870ern, als das Bulletin de la Fédération Jurassienne (1872) und die Arbeiter Zeitung (1876) in CH erschienen, gaben verschiedenste Zeitungen einem wachsenden Anarchismus aller Richtungen und Sprachen ihren Ausdruck.

Die Anarchistin und Spanienkämpferin Clara Thalmann (Bild vom IISG)Die Mitherausgeberin der Arbeiter Zeitung, Njatalie Landsberg, gehörte zu den ersten einer langen Reihe von Frauen, die sich öffentlich für die Sache des Anarchismus in CH einsetzten. Frauen wie Minna Iwanek, die Agitatorin und Verfasserin der viel gelesenen Broschüre Gretchen und Helene (1892), wie Margarete Faas Hardgger, Redakteurin der Vorkämpferin/Exploitée (1909) und Mitherausgeberin von Der Sozialist (1909), wie Cilla Itschner Stamm, Mitherausgeberin Der Forderung (1917), oder die Spanienkämpferin und Flüchtlingshelferin Clara Thalmann, sowie viele, viele andere Frauen, für die die Anarchie ohne Gleichberechtigung der Geschlechter eine Unmöglichkeit war und ist. Sie alle leisteten einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der CH-Frauenbewegung.

Subkultur gegen CH-Dichtestress

Viele CH-AnarchistInnen die in den Gewerkschaften aktiv waren, ließen sich vom aus Frankreich kommenden revolutionären Syndikalismus inspirieren und transformierten ihn zum Anarchosyndikalismus. Die Idee des Generalstreiks fand in breiten Kreisen der ArbeiterInnenbewegung Aufnahme durch anarchistische AgitatorInnen, wie z.B. den Gebrüdern Nacht, die den Weckruf (1903) in Zürich herausgaben. Verschiedene Generalstreiks – von 1902 in Genf, 1912 in Zürich bis zum CH-Generalstreik 1918 – zeugen davon. Der Landesstreik von 1918 dauerte zwar nur drei Tage, doch seine sozialpolitische Bedeutung ist bis heute spürbar.

In der WestCH entstand 1905, anlässlich eines Streiks in einer Schokoladenfabrik (!), die größte anarchistisch/revolutionäre Gewerkschaft, die Fédération des Unions Ouvrières de la Suisse Romande. Sie hatte auf ihrem Höhepunkt fast 8000 Mitglieder. Mit dem Aufkommen von kommunistischen Parteien in den 1920er Jahren nahm der Einfluss des Anarchismus ab. Einzelne Personen wie Fritz Brupbacher und Erich Marks in Zürich, und natürlich Luigi Bertoni in Genf, hielten jedoch die Idee des Anarchismus vor und während des 2. Weltkrieges am Leben. Nach dem Krieg belebten Aktivisten wie die Gebrüder Koechlin und Isak Aufseher in Basel den Anarchismus neu. Mit der Gründung des CIRA 1957 bekam der Anarchismus in CH ein weltweites Zentrum der Bewegung. In Folge der 1968er und 1980er Revolten konnte sich der Anarchismus in allen grösseren CH-Orten bis heute etablieren und brachte eine Fülle von Gruppen, gewerkschaftlichen Bewegungen und Zeitungen hervor. In der hiesigen Subkultur wurde er zum prägenden Bestandteil.

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