Reise zu den NeidgenossInnen

Schweiz

Wenn im „Grossen Kanton“ (Übername für Deutschland) in den Medien von der Schweiz die Rede ist, geht es meistens um eines von drei Themen: unsaubere Finanzgeschäfte, Rechtspopulismus, direkte Demokratie. Berichtet wird etwa über die Abstimmungsergebnisse der Minarettinitiative oder derjenigen gegen „Masseneinwanderung“, über die Schwarzgeldkonti diverser Berühmtheiten oder Steuer-CDs. So entsteht ein anscheinend klares Bild von einer reichen Schweiz, die gerne von anderen profitiert und Angst davor hat, dass „die Anderen“ daran teilhaben möchten. Dieses Bild stimmt zum Teil auch, denn es ist das Bild eines jeden (west)europäischen Nationalstaates aus der Sicht der ärmeren Weltregionen – auch wenn es vielleicht ein bisschen zugespitzt ist. Doch wie so oft ist diese vereinfachte Darstellung im Guten wie im Schlechten nicht wirklich richtig. Das politische System zum Beispiel wird von nicht in der Schweiz wohnenden Menschen oft missverstanden als eine Art konsensorientierte Basisdemokratie, doch bis 1971 durften Frauen auf gesamtstaatlichen Ebene nicht abstimmen, bei kantonalen Abstimmungen in Appenzell Innerrhoden sogar erst seit 1990. Die Abstimmungsergebnisse werden zu einem guten Teil beeinflusst vom Werbebudget der BefürworterInnen und GegnerInnen einer Vorlage. Mehrere Vorlagen, von denen die Mehrheit profitierte, wurden abgeschmettert. Alleine weil der Wirtschaftsverband Economiesuisse tausendfach argumentierte, dass Arbeitsplätze in Gefahr seien. Deswegen gibt es nicht sechs Wochen bezahlte Ferien und deswegen wird es wahrscheinlich auch keinen Mindestlohn geben.

Das Bild von der ruhigen Schweiz in der es kaum je Arbeitskämpfe gibt, ist einerseits sehr richtig – viele glauben Streiks seien illegal (obwohl Streiks eher legal durchführbar wären als in Deutschland) – andererseits galt die Schweiz früher als sehr streikfreudig. Und auch in den letzten Jahren gab es immer wieder – und auch lange – Streiks.

Anarchosyndikalistische Gruppierungen

Auf Organisationen bezogen, sieht die Lage durchwachsen aus. Von rund 10 FAU-Gruppen Ende der 1990er Jahre bleibt noch eine. Und nicht nur der FAU geht es so. Das Thema Arbeit hat einen schweren Stand in der außerparlamentarischen Linken, vor allem weil die AktivistInnen im Durchschnitt unter 25 sind und es kaum landesweite Strukturen gibt. Was nicht heisst, dass keine Vernetzung stattfindet. Gerade weil nicht in jeder Stadt eine Gruppe mit denselben Grundsätzen vorhanden ist, wird etwas mehr Wert auf Zusammenarbeit gelegt.

Ende der 1990er war mit der Antiglobalisierungsbewegung auch ein erweitertes Themenfeld stark, doch leider ist es nicht gelungen den Zusammenhang von Arbeit und Globalisierung in syndikalistische Strukturen umzuwandeln. Zumindest nicht im großen Stil. Im Kleinen sind die existierenden Netzwerke aber durchaus ein Produkt damaliger Verbindungen.

Andererseits wird der Fokus gerne auf übergroße Themen gelegt, wie den Sturz des Kapitalismus. Dabei fehlt oft der Wille zum konstruktiven Bezug auf die Gegenwartsgesellschaft. Viele wollen den Umsturz, weil sie in einer anderen Gesellschaft leben wollen – bereits jetzt im Alltag nach neuen Strukturen zu suchen, gilt dagegen als Reformismus. Dies, der hohe Leistungsdruck und geringe Chancen auf alternativen Wegen zu einem spannenden Betätigungsfeld zu kommen, macht das Thema Arbeit wenig attraktiv.

Auf dem Weg zur Praxis

Die Idee der anarchosyndikalistischen Gewerkschaften, die Utopie in der Nähe des praktisch erlebten Alltags zu suchen und so beide gleichzeitig umzukrempeln, ist natürlich nicht einfach. Viele haben Mühe ihren Arbeitsalltag mit ihrer politischen Aktivität in Verbindung zu bringen.

Kollektive Organisationsformen verbreiten sich aber nicht einfach. Den Menschen in der Gesellschaft muss schon bewusst sein, ob sie die Arbeitsteilung erdulden um von allem immer mehr und schneller zu produzieren, oder um durch vertiefte Kenntnisse in einem Teilgebiet kompliziertere Dinge und anspruchsvollere Aufgaben zu bewältigen. Erst letztere Einstellung macht die Selbstverwaltung zu einem bewussten Prozess auf dem eine Gesellschaft aufbauen kann.

Anmerkung: Der Titel bezieht sich auf eine Gesellschaftssatire aus der Zeit nach einem Zusammenbruch voller kleiner selbstbezogener Gemeinschaften auf dem Gebiet der ehemaligen Schweiz. Autor ist der Soziologe François Höpflinger, auf dessen Homepage sich dieses Buch finden lässt.

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