Kolumne Durruti

Paul Geigerzähler

Was macht ein Libertärer auf der „LL–Demo“, jenem Aufmarsch, der an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erinnert? Den 1919 mit ihnen gefallenen revolutionären ArbeiterInnen gedenken? Würde er gern. Stattdessen gruselt sich der Libertäre bei all den Bildern von Lenin, Stalin, Mao und so weiter. Auch ein interessantes Erlebnis. Leider fehlen noch ein paar Helden. Freunde von mir wollten mal einen Pol-Pot-Block machen. Das war ihnen aber dann doch zu zynisch, und so ließen sie es bleiben. Kim Jong Un wäre auch so jemand, aber dafür finden sich bestimmt noch ein paar Freaks, die das ernst meinen und voller Stolz ein Bild von ihm durch die Gegend tragen, wenn er sich nächstes Jahr als Kämpfer gegen den US-Imperialismus profiliert hat.

Bei so einer Veranstaltung nimmt es kein Wunder, wenn es für abweichende Meinungen eine auf’s Maul gibt. Eigentlich ist das noch harmlos – früher wäre schließlich kurzer (Genickschuss) oder Schauprozess (Genickschuss) gemacht worden. Heute gibt’s nur eins mit der Fahnenstange über den dissidenten Kopf, der da „Nie wieder Stalin“ ruft. Richtig so! Wer so etwas ruft, ist nämlich ein faschistischer Provokateur und außerdem antideutscher Antilinker, bezahlt vom Mossad und mit Vera Lengsfeld liiert. Alles klar? Nein? Egal. Weg mit den Provokateuren!

Eine Weltsicht, so klar wie die Fotos des frühen Zentralkomitees der Bolschewiki nach den Säuberungen. Nach jedem Prozess einer weg. Liquidierungen? Da ging es immerhin um konterrevolutionäre Elemente, Faschisten, imperialistische Agenten, Reaktionäre! Hitler-Stalin-Pakt? War notwendig! Die Auslieferung von deutschen Emigranten an die Gestapo? Ebenfalls Notwendig! Der Arbeiteraufstand am 17. Juni? Faschistische Provokation! So einfach ist das. Überhaupt war die Sowjetunion total spitzenmäßig! Bis mit Stalins Tod die Genickschussserie etwas abflaute. Dann kam der Sozialimperialismus, erklären uns die Maoisten.

Haben wir wieder etwas gelernt. Ausrufezeichen! Stillgestanden! Im Geiste Lenins, Maos und Stalins in den roten Block! Welch wohliges Gefühl, unter den wehenden roten Fahnen auf der Seite des Guten zu marschieren und wenigstens in Gedanken im Keller der Lubjanka zu stehen. Feinde liquidieren! Diversanten! Luxemburgistische Abweichler! Söldlinge des Imperialismus!

Einer der Freunde mit der Idee vom Pol-Pot-Block textete dazu: „Hammer und die Sichel! Mao in der Hand! Pol Pot, der lacht hell auf! Und stellt Stalin an die Wand! Und die Massen stürmen vorwärts! Und das Proletariat! Baut Autobahnen nach Sibirien! Hoch den ersten freien Staat!“ Womit fast alles gesagt wäre. Außer vielleicht, dass die Emanzipation, der Klassenkampf, die Revolution, der Kommunismus, die Anarchie – nennt es, wie ihr wollt – wohl nur gegen diese Leute zu machen ist. Aber das, liebe LeserInnen, wisst ihr sicherlich schon. Fragezeichen?

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