Jenseits des Marktes

Die VertreterInnen libertärer Ideen werden oft als desinteressiert an ökonomischen Fragen beschrieben. Dem ist leider zu wenig entgegenzuhalten. Abgesehen von einigen Ausnahmen gibt es tatsächlich nur selten Beiträge zu Wirtschaftsfragen aus libertärer Perspektive, sieht man mal von den Anarchokapitalisten rund um die Zeitschrift eigentümlich frei ab, die freilich einen ganz eigenen Fokus auf diese Thematik legen. Gerade den SyndikalistInnen sollte daran gelegen sein, an diesem Punkt ein tiefgreifendes Gegenkonzept auf der Höhe der Zeit formulieren zu können. Schließlich sind wir in unserer alltäglichen gewerkschaftlichen Praxis ständig mit ökonomischen Fragen konfrontiert. Neben einigen vielversprechenden Ansätzen in Deutschland, haben sich auch im spanischsprachigen Raum in den letzten Jahren einige Initiativen gebildet, die an dieser Stelle Abhilfe schaffen wollen. Gemeinsam ist ihnen die Einsicht, dass die ökonomischen Analysen der letzten hundert Jahre an der libertär-sozialistischen Bewegung weitestgehend vorbeigegangen sind. Dieses Defizit soll zunächst aufgearbeitet werden, bevor ein Konzept für den libertären Kommunismus auf der Höhe der Zeit formulieren werden kann. Aus diesem Grund untersuchen sie unter anderem sozialistische und (neo-)marxistische Wirtschaftstheorien dieses Zeitraums, um aus ihnen für eine libertäre Theorie und Praxis nützliche Aspekte herauszuarbeiten. In diesem Sinne wurde auch dieser Text von Patrick Rossineri geschrieben, den wir in dieser und der nächsten Ausgabe der Direkten Aktion veröffentlichen.

Seit dem Beginn der Wirtschaftskrise im Jahr 2008, haben populistische PolitikerInnen immer wieder den Schwerpunkt ihrer Darstellungen auf die Gegenüberstellung einer scheinbar realen und produktiven mit einer vermeintlich irrealen, spekulativen Wirtschaft gelegt. Letztere habe die Blase der Finanzmarktspekulation hervorgebracht und sei die Ursache allen Übels.

Diese Gegenüberstellung verschleiert die sich ergänzende Beziehung zwischen dem Finanzsystem und dem industriellen Komplex. Der produktive Apparat wird uns als Symbol für Tugend und Fleiß verkauft. Nicht beleuchtet wird dabei die rohe Realität der Ausbeutung der ArbeiterInnen, der Einkommensungleichheit, des Zwangs zur Lohnarbeit als einzige zulässige Daseinsform, der Umweltzerstörung und der Produktion für eine Konsumgesellschaft, die nicht die Bedürfnisse der Menschen befriedigt.

Der Kapitalismus hat sich weiterentwickelt und sich den historischen Gegebenheiten immer wieder angepasst: Seit den Anfängen der liberalen Wirtschaft im England des 18. Jahrhunderts, der imperialistische Expansion auf die peripheren Märkte, der Finanzkrise der 1930er Jahre, über die Entstehung des Wohlfahrtsstaates in seinen verschiedenen Formen, der Rückkehr des Neoliberalismus unter Reagan und Thatcher, bis hin zum Zusammenbruch der sowjetischen Welt, gefolgt von der kapitalistischen Globalisierung mit der Vorherrschaft der Finanzinstitute über den Produktivapparat. Es gibt im Rahmen all dieser Entwicklungen eine hervorstechende Bezeichnung, welche zu einem Synonym für den Kapitalismus geworden ist: die Marktwirtschaft.

Die Marktwirtschaft bedingt den Kapitalismus. Nach den klassischen Ökonomen, den Urvätern des Liberalismus, richten sich die Preise auf einem freien Markt, also ohne staatliche Intervention, nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage: Steigt die Nachfrage, steigen die Preise, und sinkt die Nachfrage, sinken auch die Preise. Gemäß dieser Theorie tendiere der Markt zur Selbstregulierung, die mit dem Bild der unsichtbaren Hand veranschaulicht wird. Im Gegensatz zu dieser liberalen Theorie, vertreten die Schüler John Maynard Keynes’ die Ansicht, dass der Markt durch staatliche Interventionen reguliert werden müsse. Dieses System eines Marktes mit staatlicher Planung und Intervention ist das am weitesten verbreitete, das auch im Lauf der Geschichte die meisten Varianten entwickelt hat. Die VertreterInnen dieser chamäleongleichen Variante des Kapitalismus, die sich auf den „sozialen Markt“ berufen, zeigen heute mit dem Finger auf den Neoliberalismus und beschuldigen ihn allein aller Übel des Kapitalismus.

Die Geschichte der libertären Ökonomie

Pierre Joseph Proudhon (Quelle: glasgowanarchist.wordpress.com)

Die libertäre Bewegung hat im historischen Rückblick keine einheitliche Position bezüglich des Marktes vertreten. Die AnarchokommunistInnen jeglicher Couleur und die SyndikalistInnen im allgemeinen, haben den Markt als Werkzeug im wirtschaftlichen System des libertären Kommunismus strikt abgelehnt. Vor allem die MutualistInnen und Pierre Joseph Proudhon haben den Markt hingegen als virtuellen Raum, in dem der ökonomische Austausch vonstatten geht, beibehalten wollen. Das was die MutualistInnen abschaffen wollten, ist das Ziel der Bereicherung, weil „das Recht eines jeden auf das Produkt seiner Arbeit“ respektiert werden soll. Sie sind der Ansicht, dass in einem wirklich freien Markt, ohne intervenierende Regierung, der Wettbewerb die Monopole vernichten werde. Deshalb schlagen sie ein System des freien Kredits vor, das jedem, der es zum Gebrauch in der Produktion benötigt, die Möglichkeit gibt, Geld ohne Zinsen zu leihen, was dazu führen würde, die Einkommen anzugleichen und die Gewinne auf ein Mindestmaß zu reduzieren, um so den Reichtum ebenso wie die Armut abzuschaffen. Freier Kredit und freier Wettbewerb auf einem offenen Markt, sagen sie, werde als Ergebnis die wirtschaftliche Freiheit haben, während die Abschaffung der Regierung die Freiheit unter Gleichen absichern werde (vergl. Berkman, „Das ABC des Anarchismus“).

Alexander Berkman (Quelle: wikipedia)

Diese Ideen wurden durch den anarchokommunistischen Vordenker Pjotr Kropotkin abgelehnt, der die Idee einer Wirtschaft als ein auf solidarische Prinzipien gegründetes Netzwerk des freien Austausches von Gütern und Dienstleistungen verfocht. Das Prinzip der Bereicherung soll nach dieser Lehre durch einen solidarischen Austausch der Güter ersetzt werden. Der Wert der Arbeit könne, nach der Lehre Kropotkins, unmöglich berechnet werden, weil er von einer Vielzahl von Elementen beeinflusst wird, sodass er sich nicht in Zahlen ausdrücken lasse. Das unterscheidet den Anarchokommunismus vom Marxismus, der von „sozial notwendiger Arbeitszeit“ spricht. Berkman fasst in seinem klassischen Werk zusammen: „Der Austausch der Waren über Preise führt zur Erzeugung von Gewinnen, zur Bereicherung und zur Ausbeutung; in einem Wort, er führt zu irgendeiner Form von Kapitalismus. Wenn du die Gewinne abschaffen willst, kannst du weder ein System von Preisen, noch von Löhnen oder Bezahlung beibehalten. Das bedeutet, dass der Austausch gemäß dem Wert erfolgen muss. Da der Wert aber ungewiss oder nicht ermittelbar ist, sollte der Austausch folglich ebenso frei sein, ohne einen gleichen „Gegenwert“, weil so etwas nicht existiert. Mit anderen Worten, die Arbeit und ihre Produkte müssen ohne Preis ausgetauscht werden, ohne Gewinn, frei, gemäß der Bedürfnisse. Das führt logischerweise zum Gemeineigentum und zum kollektiven Gebrauch.“

Nachdem die Entwicklung der anarchistischen Theorie von Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Anfang des 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht hatte, verursachte der weltweite Niedergang des libertären Flügel der sozialistischen Arbeiterbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch einen Bruch in der Kontinuität der dementsprechenden sozio-ökonomischen Analytik. Die Weltwirtschaft unterlag ebenso wie der Staat und die Gesellschaften dynamischen Veränderungen, die nicht immer angemessen von den anarchistischen DenkerInnen analysiert worden sind. Heutzutage werden Versuche unternommen, dieses Defizit zu überwinden, indem man sich wieder der sozialen und wirtschaftlichen Untersuchung widmet, mit dem Ziel, eine Analyse für die Bewegung zur Verfügung zu stellen, die auf die Errichtung einer in allen sozialen, ökonomischen und kulturellen Aspekten freien Gesellschaft abzielt. Diese vielfältigen Initiativen manifestieren sich beispielsweise in Arbeiten von Ökonomen wie Abraham Guillén, Michael Albert mit seinem Vorschlag des Parecon (vgl. DA Nr. 188) und der Gründung von Forschungszentren wie dem Instituto de Ciencias Económicas y de la Autogestión (ICEA) oder dem Centre d‘Estudis Llibertaris „Francesc Sàbat“, die beide in Barcelona beheimatet sind.

Karl Polanyi (Quelle: http://rlangone4.blogspot.com)

In diesem Sinne weiter voranschreitend, werde ich im folgenden in das Denken des ungarischen Ökonomen Karl Polanyi (1886-1964) einführen. Dieses Denken stand zwar sozialistischen und demokratischen Ideen, nicht aber dem Marxismus nahe. Auch wenn wir womöglich seine politischen Ideen, die in keinem Bezug zum libertären Denken stehen, nicht teilen, ist es trotzdem interessant, einige Aspekte seiner ökonomischen Theorie zu beachten, die mit dem Anarchismus kompatibel ist: Seine Kritik an der Marktgesellschaft (formuliert in The great transformation, 1944), seinen Vorschlag einer in der Gesellschaft „verankerten Wirtschaft“, die nicht, wie die kapitalistische Marktgesellschaft von der Gesellschaft getrennt ist und die Charakterisierung des wirtschaftlichen Prozessen auf der Grundlage des Prinzips der Gegenseitigkeit, der Umverteilung und des Austausches. Polanyi wird als der Gründer der ökonomischen Anthropologie betrachtet, die sich auf die Untersuchung von vormodernen Gesellschaften spezialisiert hat.

Karl Polanyi und die Marktwirtschaft

Der Markt darf nach den liberalen Ökonomen nicht von anderen Institutionen beeinflusst werden, die ohne zu intervenieren an seinem Rand verbleiben sollen. Diese klassischen Ökonomen haben in die Welt gesetzt, dass die Marktwirtschaft das Ergebnis einer natürlichen Tendenz des Menschen zum Austausch sei, den sie als homo oeconomicus bezeichnen und dessen höchster Grad an Rationalität die Marktwirtschaft sei. Die Individuen streben, entsprechend dieser Theorie, die Maximierung ihrer Profite innerhalb der Gesetze von Angebot und Nachfrage an. Das ökonomische Verhalten sei das Ergebnis eines universellen und natürlichen Triebes zum Handel.

Polanyi hält dieser Idee in seinem Werk The great transformation entgegen, dass der Kapitalismus alle menschlichen Dimensionen dem wirtschaftlichen Aspekt unterordnet und so die produktiven und distributiven Aktivitäten in einem Marktsystem, das die Wirtschaft kontrolliert, organisiert. Die Marktwirtschaft sei weder die natürlichste Wirtschaftsform, noch die Konsequenz einer universellen Tendenz des Menschen, sich entsprechend zu verhalten. Die Marktwirtschaft sei stattdessen ein Produkt der modernen Geschichte Westeuropas. Der Markt habe sich auf die Wirtschaft gestürzt und sich diese angeeignet, sodass er zum einzigen Ausdruck der westlichen Ökonomie wurde. Er habe sich als ökonomisches Modell in einer Wechselwirkung mit den Nationalstaaten und der imperialistischen europäischen Expansion entwickelt. Der Liberalismus, der selber den selbstregulierenden Markt befürwortete, setzte sich mittels staatlicher Planung durch. Die liberalen Ökonomen hätten nie aufgehört, nach der Intervention des Staates zu rufen, wenn es z.B. darum ging, die Gewerkschaftsgesetzgebung oder die Gesetze gegen Monopole zu beeinflussen.

Für Polanyi sind die Marktwirtschaft und der Nationalstaat keine unabhängigen Institutionen, sondern voneinander abhängig. Sie stellen gemeinsam die „Marktgesellschaft“ dar. Der moderne Staat habe sich gleichzeitig mit den Marktwirtschaften herausgebildet und beide hätten sich dann in einem Wechselverhältnis weiterentwickelt. Der Staat habe die traditionellen Gesellschaft umgewandelt und die bäuerlichen Gemeinschaften zerstört, um eine auf Wettbewerb basierende kapitalistische Wirtschaft aufzubauen. Zum ersten Mal in der Geschichte trennte sich im Zuge dessen die Wirtschaft von der Gesellschaft und letztere geriet in einer der ersteren untergeordneten Position. Alles war zur Ware geworden: die Arbeit, der Boden, die Nahrungsmittel, die Werkzeuge, das Geld etc. Der Mensch und die Natur waren den Gesetzen und Dynamiken von Angebot und Nachfrage ausgeliefert und wurden auf dem Altar des Marktes geopfert.

Das Scheitern der liberalen Wirtschaft stürzte die Welt in den 1930er Jahren in eine beispiellose Krise. Die Gegenbewegung war der staatliche Interventionismus, welcher eine Reaktion auf die Desintegration der Gesellschaft von der Wirtschaft war, die der freie Markt zur Folge gehabt hatte. In diesem Zusammenhang kann man die stärker werdende Unterstützung auch vieler ArbeiterInnen in dieser Zeit für populistische, faschistisch-korporativistische, sozialistische, nationalistische und stalinistische Regierungen erklären. Der Staat erschien in ihren Augen nicht mehr als ein Regierungs- und Repressionsinstrument der herrschenden Klasse, sondern als Verteidiger der Interessen des Volkes, als Repräsentation der Gemeinschaft.

Die Polemik gegen die formale Ökonomie

Der grundlegendste Beitrag Polanyi’s zu den Sozialwissenschaften war die Konsequenz, mit der er das Credo einer ökonomischen Rationalität und einer allumfassenden, auf Wirtschaft basierenden Theorie widerlegte. Die Standardannahme postulierte, dass die Wirtschaftswissenschaft die Wissenschaft ist, die das menschliche Verhalten als Beziehung zwischen Zielen und den knappen Mitteln untersucht, welche auf verschiedene Art und Weise eingesetzt werden können. In der Marktgesellschaft ist dieses Verhalten auf den höchsten Profit ausgerichtet, d.h. die handelnden Individuen tätigen ihre Entscheidungen gemäß der Gesetze von Angebot und Nachfrage. Das gesamte Ideengebäude der modernen Wirtschaft beruht auf diesen Prinzipien. Das Konzept von Wirtschaft als solcher erscheint losgelöst von dem Begriff der Gesellschaft, als handele es sich um zwei vollkommen unabhängige Einheiten. In diesem Modell nimmt die Wirtschaft eine zentrale und für die übrigen kulturellen und sozialen Praktiken dominierende Stellung ein. Die Idee, dass die Wirtschaft für die gesamte Gesellschaft grundlegend sei, ist ein Erbe, das auch der Marxismus vom Liberalismus übernommen hat, in dem er diesen ökonomischen Determinismus über den „Historischen Materialismus“ auf die Geschichte übertrug. Polanyi war ein Kritiker des Marxismus und seiner Anhänger in diesem Punkt. Er vertrat die Ansicht, dass soziale Beziehungen nicht unter Produktionsverhältnissen zusammengefasst werden können. Sehr klar haben Fernando Álvarez-Uría und Julia Várela Polanyi’s Position auf den Punkt gebracht: „Die Kritik der wirtschaftlichen Rationalität, das Infragestellen eines technisch-wissenschaftlichen formalen Ansatzes mit universalistischem Anspruch, der sich als ultima ratio, als der Produktion und dem Tausch zugrunde liegendes Motiv darstellt, stellt einen Ausgangspunkt dar, um zu verhindern, dass die Sozialpolitik den Technokraten unterworfen wird, die zu den höchsten Priestern der sozialen Ordnung werden, indem sie die ökonomischen Parameter zu Götzen erklären. Die so abgedroschene Rhetorik vom ‚Wirtschaftswachstum’ und sogar dem ‚Wirtschaftswunder’ oder der ‚Modernisierung’, funktioniert wie eine leere Worthülse, die von den Problemen der direkt betroffenen Bevölkerung und den Auswirkungen, die solche makroökonomischen Parameter auf die unterschiedlichen sozialen Schichten haben, abgekoppelt wird.“

Polanyi zeigte, dass nicht die Möglichkeit, sich zu bereichern, die Menschen zur Produktion von Gütern bewegt und folglich auch kein universelles Verhaltensmuster der Spezies darstellt. Der kapitalistische Markt neigt dazu, die menschlichen Entscheidungen in den Hintergrund zu drängen und sie durch Darstellungen der Mechanismen von Angebot und Nachfrage zu ersetzen. Somit ist das vermeintliche ökonomisch-rationale Verhalten der Individuen im Grunde eine von der Realität entfernte Fiktion. Bereits in den 1920er Jahren hatte der britische Ethnologe Bronislaw Malinowski den allgemeinen Geltungsanspruch des homo oeconomicus der klassischen Ökonomen infrage gestellt, während sein französischer Zeitgenosse Marcel Mauss in seinem einflussreichen Text „Essai sur le don“ („Die Gabe“) andeutete, dass „noch nicht alles gemäß den Konzepten von Kauf und Verkauf klassifiziert ist. Die Dinge haben neben ihrem Verkaufswert einen sentimentalen Wert (…) Wir haben noch andere Moralvorstellungen als nur die des Händlers.“ Fernab der Parameter des Preise aushandelnden Marktes verliert das liberale Paradigma jegliche Relevanz für die ökonomische Analyse.

Polanyi formulierte demgegenüber ein „substantivistisches Paradigma“. Dieses leitet er ab von der „Abhängigkeit des Menschen von seiner Umwelt. Es bezieht sich auf den Austausch mit der natürlichen und sozialen Umgebung, in dem Maß, in dem dieser Austausch zum Ziel hat, ihm Mittel für die Befriedigung seiner materiell notwendigen Bedürfnisse zur Verfügung zu stellen.“ Das entscheidende ist hier, die Interaktion der Menschen mit ihrer Umwelt, um materielle Bedürfnisse zu befriedigen. Die Wirtschaft ist hier ein institutionalisierter Prozess: Die Ströme von Produktion, Verteilung und Aneignung von Gütern und Dienstleistungen sind von kulturellen Werten durchdrungen. Die Ökonomie erscheint als eine Menge von Beziehungen, ein Netzwerk, das die gesamte Gesellschaft durchdringt und nicht vollständig von der Gesellschaft, die ihm Sinn verleiht, abgetrennt werden kann. Dieses Konzept ist mit dem Ideal Kropotkins absolut kompatibel.

Kropotkin als Vorläufer Polanyis

Kropotkin und die Tiere (Quelle: libcom.org)

Mehr noch, die Definition von Wirtschaft, die Kropotkin vertrat, nahm Polanyi’s Standpunkt vorweg. Der Ansatz, den der berühmte russische Anarchist in „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk“ skizzierte, könnte im Rahmen des substantivistischen Paradigmas Polanyi’s formuliert werden. Auch Kropotkin kritisierte die auf Preisunterschiede, Einkommen, die Interessen des Kapitals etc. gerichteten Schwerpunkte der klassischen Ökonomen, die er als vorwissenschaftlich ansah. Er definierte Wirtschaftswissenschaft als „eine Wissenschaft, die sich mit den Bedürfnissen der Menschen und den Mitteln zu deren Befriedigung mit dem kleinstmöglichen Energieverlust beschäftigt, also als eine Art Physiologie der Gesellschaft. Dennoch haben bislang wenige Ökonomen anerkannt, dass dies der eigentliche Bereich der Wirtschaftswissenschaft ist und ihre Arbeit auf dieser Grundlage entwickelt.“ Beide Autoren gingen davon aus, dass die Kenntnis der vormodernen Gesellschaften einen Vergleich mit der kapitalistischen Gesellschaft ermögliche, aus dem man Erkenntnisse für eine Veränderung der Gesellschaft auf der Basis von Freiheit und Gleichheit sowie in Einklang mit der Umwelt gewinnen könnte.

Kropotkins Idee einer Wirtschaft und Gesellschaft, die auf Netzwerken und auf freiem und gegenseitigem Austausch basiert, hat ebenso wie Polanyis Werk eine deutliche ethnographische Konnotation, da Kropotkin, Geograf von Beruf, seine Schlussfolgerungen in „Gegenseitige Hilfe“ auf seine Untersuchungen der Kooperation in „primitiven Gesellschaften“ bezog. Polanyi wird später diesen Ansatz vertiefen und darüber einen eigenen Ansatz entwickeln, der auf drei Formen wirtschaftlicher Integration basiert, die er miteinander vergleicht, um die unterschiedlichen Formen, die wirtschaftliche Beziehungen im Lauf der Zeit in unterschiedlichen Kulturen angenommen haben zu vergleichen. Diese drei Formen sind: das Prinzip der Gegenseitigkeit, die Umverteilung und der Austausch. Wir werden diese Begriffe in der Folge nutzen, um einen Vergleich mit den von der libertären Bewegung vorgeschlagenen Organisationsformen zu ermöglichen.

 

Der zweite Teil des Textes erscheint in der Direkten Aktion #205. Das spanische Original erschien in den Ausgaben 56 (Dez. 2010) und 57 (Jan. 2011) der Zeitschrift Libertad! aus Buenos Aires (Argentinien).

 

Literatur:

  • Alexander Berkman: „ABC des Anarchismus“, Trotzdem, Grafenau 2002 (1978).
  • Maurice Godelier: „Ökonomische Anthropologie“, Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1973.
  • Marvin Harris, „Menschen: wie wir wurden was wir sind“, DTV, München 1996 (1991).
  • Marcel Mauss, „Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften“, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2004 (1968).
  • Karl Polanyi, „The great transformation: politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen“, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1995 (1977).
  • Karl Polanyi, „The livelihood of man“, Academic Press, New York 1977.

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