Freeter Zenpan Roso – Prekäre in Japan

Krise und Neoliberalismus haben
Japan bereits vor Jahren erreicht. In der Folge ist die Anzahl
prekärer Jobs explodiert. Seit 2004 organisiert sich ein Teil der
prekär Beschäftigten in der Gewerkschaft der Freeters, die in der
Tradition des japanischen Anarcho- Syndikalismus nach Strategien
gegen den japanischen Kapitalismus von heute sucht. Dieser Beitrag
erschien erstmals in der IWW-Zeitung „Industrial Worker“, der wir
an dieser Stelle für die Unterstützung danken.

Der japanische Nachkriegs-Traum von der
Errichtung einer durch die Mittelklassen bestimmten Gesellschaft
liegt heutzutage begraben unter dem Schutt der allerorts präsenten
Baustellen.

In Japan rettet sich der Großteil der
jungen Menschen von einem befristeten Job in den nächsten, ohne
viele Aus sichten darauf, jemals einen festen Arbeits platz er
gattern zu können. Zu diesen jungen Leuten gehört auch der Großteil
der UniversitätsabsolventInnen, denen eigentlich einmal die
Führungspositionen zugedacht gewesen waren.

Freeter (1) sind eine neue Erscheinung
im japanischen Alltag, wo das Versprechen einer lebenslangen
Anstellung für die gesamte Nation heute nicht mehr ist als eine
Legende aus einer toyotistischen Vergangenheit (2). Freeter sind
Leute, die dazu ge zwungen sind, ihren Lebensunterhalt dauerhaft mit
miesen Jobs zu bestreiten. Das also, was man heutzutage als
„Prekariat“ bezeichnet.

Mittlerweile findet man überall in den
Parks, in der Nähe von Flussufern und in anderen freien Flecken
immer mehr Leute, die dort unter blauen Planen hausen. Die meisten
Obdachlosen sind Männer mitt leren Alters, die während der
Rezession Mitte der 1990er Jahre ihren Job verloren haben. Einige
verbringen die Nacht in der Kabine eines Internet-Cafes, bevor sie
sich am nächsten langen Tag wieder auf die Jagd nach einer
Arbeitsgelegenheit machen. Was ist ihnen zugestoßen?

Die neoliberalen Reformen

Die Grundlagen der aktuellen Situation
wur – den unter der Decke der von einer Wachstumsblase begleiteten
neo-liberalen Umstrukturierung der Gesellschaft während der 1980er
Jahre gelegt. Die sozialen und öffentlichen Bereiche wurde getreu
den Prinzipien einer reinen Marktökonomie abgebaut. Das
Wohlfahrtssystem wurde ausgehöhlt – das Ergebnis war eine brutale
Klassenspaltung. Die Gewerkschaften staatlich kontrollierter
Betriebe, einschließlich der mächtigen Kokuro National Railway
Union wurden im Zuge der Privatisierungen aufgelöst. Sie wurden mehr
oder weniger von Pseudo-Gewerkschaften aufgesogen, die sich den
Interessen der Unternehmensgruppen – der Keiretsu –
unterordneten.

Bis zu diesem Zeitpunkt konzentrierte
sich die prekäre Arbeit – die „industriellen Reservearmee“,
wie Marx sie nannte – im Wesentlichen auf die Baubranche. Die
Tagelöhner (hiyatoi) lebten ghettoisiert in den heruntergekommenen
Wohn- und Rekrutierungskomplexen (Yosebas) der großen Städte –
Sanya in Tokio, Kamagasaki in Osaka, Kotobuki-cho in Yokohama und
Sasajima in Nagoya.

Diese Arbeiter waren es, die mit Blut
und Tränen den japanischen Nachkriegswohlstand schufen (3). Trotz
ihrer Arbeit aber blieben sie stets an den Rand der japanischen
Gesellschaft gedrängt. In Boomphasen auf dem Bau nahm die Schikane
durch die Arbeitsvermittler (Tehaishi) stets zu. Verantwortlich dafür
waren meistens Gangster (Yakuza), die durch angedrohte oder ausgeübte
Gewalt nicht nur einen Teil des Tagelohns einkassierten, sondern auch
sonst noch alles, was sie in die Finger bekommen konnten. Heute sind
viele der Yosebas verlassen, weil der Bau-Boom vorbei ist und die
Methoden der Rekrutierung sich verändert haben. Anstatt die
Tagelöhner mit Kleinbussen in den Yosebas abzuholen, rufen die
Vermittler heute einfach zu jeder Tagesund Nachtzeit auf dem Handy an
– wenn sie die Leute brauchen. Zeitgleich mit dieser Entwicklung
enstanden informelle Jobs in immer mehr Bereichen. Ausgestoßen aus
den Fabriken und ihren Ghettos, haben sich die Prekären im Laufe der
Zeit immer mehr über das gesamte städtische Gebiet aus ge breitet,
ohne dass es noch zentrale Versammlungsorte gäbe.

Freeter vernetzen sich, bevor sie
sich organisieren

Dies ist der gesellschaftliche Rahmen,
in dem sich 2004 die Allgemeine Freeter Union (Freeter Zenpan Roso,
FZR) gegründet hat. Ursprung war die PAFF, ein Netzwerk von
JobberInnen, „Arbeiters“ (4) Freeter und migrantischen
ArbeiterInnen, die sich mit einigen aktiven StudentInnen
zusammengetan hatten. Der Aufruf der PAFF zur Gründung einer
Gewerkschaft der Freeter zeigte, in welchem Umfang die Strategien der
Finanzkreise und die Arbeitspolitik der Regierung prekäre
Bedingungen für einen großen Teil der ArbeiterInnen geschaffen
hatte. Die Probleme der Freeter betreffen nicht nur die Freeter
selbst, sondern die gesamte arbeitende Bevölkerung.

Hauptsitz der Freeter Union ist nach
wie vor Tokio, mittlerweile gibt es aber mit ihr verbundene Gruppen
in etlichen anderen Städten. Die Anzahl der formell eingetragenen
Mitglieder liegt derzeit bei rund 100, der Einfluss der Gewerkschaft
ist allerdings deutlich größer. Sie hat viele, die mit ihr
sympathisieren und eine ganze Reihe von Gruppen in unterschiedlichen
Bereichen beziehen sich auf die Freeter Union. Es gibt Gruppen bei
den Tagelöhnern, andere, die Obdachlose unterstützen und welche,
die aus migrantischen ArbeiterInnen bestehen. Dann ist da noch die
antikapitalistische Bewegung, das sind meist Anar chist Innen und
andere Antiautoritäre, wie das Sanya Struggling Committee, das Sanya
Workers Center. Enge Beziehungen gibt es außerdem zur Tokyo Managers
Union (5), die 1993 gegründet wurde und die jüngere Gewerkschaft
jetzt dadurch unterstützt, dass die die FZR einen Teil ihrer
Büroräume mitnutzen kann. Wie sehr sich die Situation in Japan
geändert hat, erkennt man nicht zuletzt daran, dass selbst die
Discount- Filialleiter der Managers Union unter der Drohung von
Entlassung zu immer weiter steigender Mehrarbeit unter zunehmend
prekären Bedingungen gezwungen werden.

Die Ziele

Die Kampagnen der Gewerkschaft bewegen
sich weitgehend im Rahmen der Arbeitsgesetze. An den Arbeitsplätzen
werden aber auch alle viele Formen der direkten Ak tion angewendet,
darunter das Verteilen von Flugblättern, Streikposten, Singen und
andere Performances, die von Musik und Aktionen begleitet sind.

Es gibt eine Reihe von Firmen, die von
der Freeter Union aufgrund ihrer Praktiken bevorzugt angegriffen
werden. Darunter fal len auch jene Arbeitsvermittler, die sich
besonders damit hervortun, die Tagelöhner dem Willen der Leihfirmen
gefügig zu machen. Heutzutage sehen die Vermittler nicht mehr aus
wie finstere Yakuza, sondern eher wie hippe, vielseitige Firmen. Ein
typisches Beispiel ist die Goodwill Group (www.goodwill. com). Dort
ist die Belegschaft dank der Unterstützung der Freeter Union
mittlerweile gewerkschaftlich organisiert.

Die Gewerkschaft kämpft auch gegen
Gesetzesvorhaben des Ministeriums für Gesundheit und Wohlfahrt, in
deren Folge Niedriglöhne und Prekarität weiter zunehmen würden, so
die Freeters Union.

Nach ihrem Arbeitstag treffen sich
Mitglieder der Gewerkschaft in ihrem Büro im Shinjuku-Distrikt von
Tokio und beantworten telefonische Anfragen. Sie hören sich die
Beschwerden genau an und laden die ArbeiterInnen gegebenenfalls in
das Büro ein, um den Fall ausführlich zu diskutieren. Da ein
Hauptteil der Arbeit zunächst darin besteht, die ArbeiterInnen über
ihre Rechte aufzuklären, gibt die Freeter Union das ständig
aktualisierte „Freeter Handbook“ (6) heraus.

Um auf die Situation der Freeter
aufmerksam zu machen, veranstaltete die Gewerkschaft im Jahre 2004
erstmals den „Freeters May Day“. Mittlerweile haben sich andere
Gruppen angeschlossen und die Demonstration wurde in „May Day for
Freedom and Survival“ (7) umbenannt. Am 1. Mai 2006 zog die
Demonstration mit einem Soundsystem durch die Straßen von Tokio. Die
Anzahl der TeilnehmerInnen war zwar recht übersichtlich, dafür war
das Interesse der PassantInnen und der Presse an der Aktion jedoch
umso größer.

Neue ArbeiterInnen, neue Identität?

Auf diese Weise ist in Japan eine
Gewerkschaft entstanden, die sich als Teil des Netz werks der
radikalen antiautoritären Bewegungen versteht. Man könnte auch
sagen, sie ist wiedererstanden, denn zu Beginn des letzten
Jahrhunderts gab es bereits anarchosyndikalistische Gewerkschaften in
Japan wie die Shinyûkai der Drucker und die Seishinkai der
ArbeiterInnen bei den Zeitungen.

Die gemeinsame Basis der Mitglieder ist
ihr Anti-Neoliberalismus und in der Konsequenz Antikapitalismus, wie
er auch im Selbst verständnis der Gewerkschaft formuliert ist.
Einige Mitglieder der Freeter Union arbeiten in einer Gesellschaft
für städtische Gemeinschaft und gegenseitige Hilfe mit, die sich
„Dame-ren“ (Allianz der Verlierer) nennt. Sie entstand Anfang der
1990er in Tokio als Reaktion auf den „Jeder-ist-sich-selbst-der-
Nächste“-Individualismus der 1980er. Die Allianz setzt sich z. B.
für den gegenseitigen Zusammenhalt (koryu-suru) ein. Sie betrachtet
das bloße Zusammenkommen als elementar wichtig, wie auch das
Miteinander-Diskutieren über die alltäglichen Probleme, also auch
darüber, warum man zu den „Verlierern“ gehört. Es geht der
Dame-ren aber nicht darum, dass Einzelne hierdurch auf die Seite der
„Gewinner“ wechseln, sondern um das kollektive Wachsen.

Die Mitglieder der Freeter Union haben
keine einheitliche Weltanschauung. Sie verfolgen jedoch eine Linie,
zu der die Ablehnung selbsternannter Avantgarden, die Zurückweisung
jeder Art von Kontrolle durch Gewalt und die Entscheidungsfindung in
basis demokratischen (horizontalen) Strukturen gehört. Diese Kultur
bestand schon vor der Gründung der Gewerkschaft. Sie entwickelte
sich aus einer neuen kulturellen und politischen Identität, die bei
vielen Jugendlichen in Folge des Platzens der ökonomischen Blase in
den 1990ern Verbreitung gefunden hatte.

Im Japan der Nachkriegszeit wurden der
ganzen Nation eine Reihe von Idealen aufgedrängt. Dazu gehörte es,
einen guten Universitätsabschluss zu machen, eine Führungsposition
zu erreichen, früh zu heiraten, ein Auto und ein Haus in der
Vorstadt zu kaufen, zwei Kinder zu bekommen usw. Das Erreichen dieser
Ziele diente als Maßstab für den Platz in der sozialen Hierarchie.

Heute sind diese Erwartungen in einem
allgemeinen Klima der Krise schlichtweg absurd geworden und
erscheinen der Jugend als grausame Fesseln.

Die neue Generation der Freeter stellt
dieses Wertesystem, innerhalb dessen sie zu Verlierern abgestempelt
und an den Rand gedrängt wurde, zunehmend in Frage. Indem sie dieses
Wertesystem kritisiert, sucht sie mit ihrer Politik und ihrer Kultur
zugleich nach einem Weg, den alten Werten zu entfliehen. Die
Generation der Freeter möchte den Geist der gegenseitigen Hilfe mit
Leben fül len und pflegt die Ästhetik ei ner selbstgewählten
Abkehr von den Mar ken-Idealen. Ausgehend von der kollektiven
Diskussion hat sie begonnen, mit neuen Formen des Zusammenlebens und
der gegenseitigen Hilfe zu experimentieren. Dies ist der geistige
Hintergrund, vor dem in Japan eine neue Gewerkschaft aufgetaucht ist,
um den Kapitalismus zu bekämpfen.

Anmerkungen:

(1) arubaito – der japanische
Begriff für Teilzeitarbeit oder Tagelohn-Jobs ist direkt dem
deutschen Wort „Arbeit“ entlehnt. „Freeter“ ist ein
Kunstwort aus dem englischen „free“ oder „Freelancer“ und
arubaito.

(2) Kaizen, die „kontinuierliche
Verbesserung“ ist eine Komponente des Toyotismus. Man
versteht darunter eine bestimmte Form der Arbeits organisation, die
in Japan entwickelt wurde. Begleitet wurde sie dort von weitgehenden
Beschäftigungsgarantien, für die Kernbelegschaften einiger
strategischer Wirtschaftssektoren, wie z.B. der Automobilindustrie.

(3) Hiroshi Teshigahara zeichnet in
seinem phantastischen Film „Otoshiana“ (engl. The Pitfall) aus
dem Jahre 1962 ein beeindruckendes Bild dieser Zeit aus Sicht eines
toten Bergarbeiters.

(4) Der Autor verwendet das Wort
„Arbeiters“ im Original. Es bezeichnet in Japan jemanden, der
einen Teilzeitjob oder eine ungarantierte Arbeit machen muss.

(5) Die Tokyo Managers Union ist
eine kleine Angestellten- Gewerkschaft, in der sich Beschäftigte aus
dem unteren Management organisiert haben, die sich von sozialem
Abstieg und vom Druck zum Selbstmord zur Ehrenrettung der Firma
betroffen fühlen.

(6) Das Freeter Handbook kann
von der Website der Freeter Union heruntergeladen werden. freeter-union.org/resource/freeter-handbook.pdf. Aktuell ist
lediglich eine Fassung in japanischer Sprache verfügbar.

(7) Infos zum „Ersten Mai für die
Freiheit und das Überleben“ gibt es u. a. bei: http://mayday2007.nobody. jp/index-en.html

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