Eine Stadt, die krank macht

Die Proteste in Taranto loderten das erste Mal am 2. August letzten Jahres auf. Kurz darauf wurde der Besitzer des Ilva-Konzerns, Emilio Riva, verhaftet, außerdem sein Sohn Nicola und zwei ihrer engsten Vertrauten, unter denen der Name Girolamo Archinà der wichtigste ist – er hatte über Jahre ein riesiges Spinnennetz der Korruption aufgebaut, bestehend aus PolitikerInnen, Fachleuten der Gewerkschaften, BetriebsleiterInnen, InspektorInnen der Polizei in dieser Richtung, sogar ein Priester war dabei. In 90 Ordnern, benannt mit „Verkaufte Umwelt“, hatten die Recherchen der Staatsanwaltschaft Taranto Platz. Es gibt zudem stundenweise abgefangene Telefonate. Es sind bereits 50 ProtagonistInnen dieses Netzes bekannt. Einige von ihnen – wie der Präsident der Provinz Taranto, Gianni Florido – wurden schon in den Arrest gesteckt und werden unter Aufsicht verwahrt, damit sie keine Beweismittel vertuschen können.

Am 2. August des letzten Jahres gingen einige Menschen auf die Straße, aufgerufen von den drei großen Gewerkschaften CGIL, CISL und UIL. Pikanterweise ergriff diese Demonstration nicht gegen die korrupten PolitikerInnen und ihre Machenschaften rund um das Ilva-Werk Partei, sondern für sie. Das Motto hieß: „Retten wir unsere Arbeitsplätze, retten wir Riva“ oder „Lieber Krebs als arbeitslos“ (DA 218 berichtete). Die GewerkschaftsfunktionärInnen waren selbst Teil dieses „Systems Ilva“.

An diesem Tag ergriff jedoch endlich auch der andere Teil der Stadt, der sich nicht mehr von der Angstmacherei der AkteurInnen des Systems Ilva beeinflussen lassen wollte, zum ersten Mal das Wort. Das Mikrofon der GewerkschaftsfunktionärInnen wurde abgedreht. Auf einer improvisierten Bühne am anderen Ende des Platzes, wo sich ein Apecar-Parkplatz befand, wurde die Stimme gegen die FunktionärInnen erhoben. Das schlug die FunktionärInnen der drei großen Gewerkschaften schließlich in die Flucht. Viele von denen, die auf der Bühne der GewerkschaftsfunktionärInnen gestanden hatten, sind heute diejenigen, die sich vor der Staatsanwaltschaft zu verantworten haben. Ein blaues Apecar ist seitdem das Symbol der Bewegung gegen die Fabrik, ein Symbol der Selbstorganisation, ein Symbol einer Organisation von unten, die sich in dem „Komitee denkender BürgerInnen und ArbeiterInnen“ vereint hat. Sie haben jenen Schleier gelüftet, der jahrzehntelang die Verbrechen und die Umweltzerstörung in Taranto verborgen hatte.

Kurze Chronik. 1960er Jahre: Die Regierung entschließt sich, eine ExpertInnenkommission in zwei Städte des äußersten Südens zu schicken: Bari und Taranto. Die Kommission soll den perfekten Standort für die größte Stahlhütte Europas auswählen. Es ist die sogenannte „Reindustrialisierung“ Süditaliens. Die Experten kehren zurück nach Rom, überzeugt, dass die Ilva (also die Fabrik) in Taranto gebaut werden soll. Ausschlaggebend für die Entscheidung ist unter anderem, dass es dort keine eigene politische Klasse gibt, mit der es zu Konflikten hätte kommen können. Das Stahlwerk soll auf der Piazza Castello erbaut werden, direkt vor dem Zentrum, und es würde keine Proteste geben. Die Regierung nimmt die Experten beim Wort. Und nun wächst die Ilva quasi an der Stadt, doppelt so groß wie das bewohnte Zentrum. Eine Stadt in der Stadt, seit 50 Jahren, ohne jemals zu schlafen. Permanenter Ausstoß von Stahl und permanenter Profit. Und das Geldmachen hört nicht einmal in der Nacht auf. Tagein, tagaus wird die sensible Umgebung, in der einst Fischfang, Viehzucht und Landwirtschaft betrieben wurden, unvorstellbar entstellt.

Protest auf den Straßen Tarantos

Achtziger Jahre: Die Ilva ist immer noch staatlich und hat Fabriken in Terni, Piombino und Genua. Der Standort Bagnoli ist wegen extremer Umweltverschmutzung schon geschlossen worden. Aber im offiziellen betrieblichen Magazin wird ein Slogan abgedruckt, der sehr gut die Misere in Taranto beschreibt. Fast wie eine böse Prophezeiung heißt es da: „Wenn die Ilva erkältet ist, dann hat Taranto eine Lungenentzündung“.

1995: Die Fabrik wird privatisiert. Sie wird an den Riva-Konzern verkauft, der seinerseits die Fabriken in Terni und Piombino weiterverkauft und die Fabrik in Genua schließt. Außerdem wird die Anlage in Taranto verkleinert; von 35.000 Angestellten bleiben nur 18.000. 18.000 in einer Stadt von 200.000 Einwohnern.

Heute haben 92% des von Italiens Industrie ausgestoßenen Dioxins ihren Ursprung in Taranto. Dioxin gibt es dort überall. Selbst in der Muttermilch. Hunderte von Schlachttieren werden deswegen sinnlos getötet – vielen Tonnen Miesmuscheln und andere Meerestiere werden vergiftet. In Rione Tamburi, einem Viertel am Stadtrand, stellen sie bei unter 13-jährigen Kindern die gleiche Beschaffenheit der Lungen wie bei 60-jährigen Rauchern fest! Alles in dem Viertel ist rot, weil rot die Farbe des Stahlpulvers ist. „Das Mineral“, das sie dort aus ihren Balkonen oder Schlafzimmern zusammenfegen. Das, was sie auch einatmen, wenn sie mit verschlossenen Fenstern dort in der Wohnung sitzen.

Am 2. August letzten Jahres haben also die BürgerInnen die Verharmlosungen und die Lügen erkannt. Seitdem sehen sie klar, dass sich nur etwas verändert, wenn sie sich Gehör verschaffen. Seitdem kommen all diese Sachen ans Tageslicht: Mit wie viel Milliarden Euro Emilio Riva die Zerstörung der Umwelt aufrechterhielt, mit wie vielen Milliarden er die Repräsentanten bestach und weiter die Gesundheit der Bevölkerung und des Umfelds der Fabrik massiv gefährdete. Es ist wie eine Live Soap im Gericht. Alle wussten alles, alle kennen die Namen und Spitznamen von denen, die Berge von Geld angesammelt haben.

Und auch jetzt, da der Staat langsam die geheimen Verbrechen von Ilva aufdeckt, verunreinigt die Ilva-Fabrik weiter die Umwelt. Die Menschen sterben weiterhin. Doch viele der Menschen haben sich entschlossen, nun Widerstand zu leisten und Stück für Stück für eine gesunde Stadt zu streiten.

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