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Nach knapp drei Monaten ihres Bestehens kann die Initiative Basisgewerkschaft Nahrung und Gastronomie (I-BNG) der Dresdner FAU schon einige Anfangserfolge verbuchen. Die Branchensektion ist aktuell in sieben Betrieben vertreten, hat im ersten Lokal 100% der KellnerInnen organisiert und eine erste große Kampagne begonnen. Daneben wurden ein Emailverteiler für interessierte KollegInnen und ein öffentlicher Lohnspiegel angelegt.

Geworben wird direkt im Betrieb

Angestoßen wurde die I-BNG vor allem durch eine Betriebsgruppe, die im Mai bei einer Verhandlung eine Lohnerhöhung von 20% durchsetzen konnte und in der schon damals FAU-Mitglieder aktiv waren. Aufgrund der guten Resonanz entschlossen sich mehrere KollegInnen, eine Branchensektion innerhalb der lokalen FAU auf die Beine zu stellen.

Die Situation in der Branche ist dafür günstig: Die KellnerInnen, KöchInnen und

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Putzkräfte, gerade im Dresdner Kneipenviertel „Neustadt“, sind sozial gut vernetzt. Zusätzlich haben sie oft ein Bewusstsein für ihre prekären Beschäftigungsverhältnisse und gemeinsame materielle Nöte. Zeitgleich befinden sich viele Betriebe in räumlicher Nähe, was schnelle Absprachen und regelmäßige Diskussionen erleichtert.

Seit der Entstehung der Initiative gehen Mitglieder und solidarische KollegInnen regelmäßig mit Werbung für Veranstaltungen und anderen Infomaterialien der I-BNG direkt in die Betriebe. Allein durch diese Rundgänge hat sich die Vernetzung unter den KollegInnen, aber auch der Bekanntheitsgrad der I-BNG, schnell erhöht. In vielen Betrieben sind die verteilenden KollegInnen schon bekannt, Flyer etc. werden schneller angenommen und an die Restbelegschaften weiterverteilt.

Mindestlohn und Arbeitsrecht

Einen Hauptschwerpunkt der ersten Organisationsphase bildet die Erstellung von Grundlagenmaterial. Neben einem allgemeinen Vorstellungsflyer ist so schon eine Broschüre für die gewerkschaftliche Durchsetzung von Mindestlöhnen mittels der I-BNG entstanden, daneben gibt es einfache Werbemittel wie Sticker und Bierdeckel. Eine Anleitung zum solidarischen Verhalten im Betrieb, Umgang mit wirtschaftlich angegriffenen Betrieben und eine Arbeitsrechtsbroschüre sind in Planung oder werden schon erarbeitet.

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Die Situation in den knapp 25 Betrieben, zu denen schon Kontakt aufgenommen werden konnte, stellt sich relativ ähnlich dar. Der überwiegende Teil der Beschäftigten arbeitet im Minijob oder soloselbstständig. Die meisten stocken mit ALG-II auf. Grundlegende Arbeitsrechte wie Pausenzeiten, Recht aufs Trinkgeld, Bezahlung von Probearbeit und Urlaub sind in den meisten Betrieben ein Fremdwort. Der Lohndurchschnitt rangiert zwischen sechs und sieben Euro pro Stunde netto. Gerade vor dem Hintergrund des katastrophalen Lohnniveaus entschied sich die I-BNG nach längeren Diskussion mit KollegInnen die schon erwähnte Kampagne „8,50Euro – Drunter geht’s nicht!“ ins Leben zu rufen. Die Forderung mag ein wenig zu lasch erscheinen, da 8,50Euro weder einen annehmbaren Lebensstandard noch eine sinnvolle Altersversorgung ermöglichen. Hintergründe der Entscheidung sind die geringe Erfahrung der meisten Beschäftigten mit gewerkschaftlicher Aktivität, der starke Hang zu sozialen Beziehungen mit den ChefInnen durch die meist geringe Betriebsgröße und die Tatsache das es sich bei der angestrebten Lohnerhöhungen z.T. schon um 20-30% handelt.

Die I-BNG will diese bescheidenen Lohnziele mit einfachen Verhandlungen oder kurzlaufenden Haustarifen durchsetzen und so in möglichst vielen Betrieben ein Grundlohnniveau aber auch eine gewerkschaftliche Stärke entwickeln.

Eng mit der Kampagne in Verbindung steht der öffentliche Lohnspiegel den die I-BNG auf ihrer Website anbietet. Aktuell sind dort Lohnniveaus nebst Arbeitsrechtsverstößen der ersten neun Betriebe gelistet. Die Übersicht soll KollegInnen bei der eigenen Einschätzung ihrer Lage, der Vernetzung aber auch der Jobsuche weiterhelfen. Ebenso richtet sich die Liste jedoch auch an KundInnen. Diese können durch Proteste, aber auch durch bewusste Konsumentscheidung ihrerseits langfristig finanzielle Anreize für Lohnerhöhungen in den Betrieben schaffen. Aktuell wird unter KollegInnen aktiv dafür geworben, dass eigene Beschäftigungsverhältnis auf der Website anonym zu „leaken“. Ab nächsten Monat wollen einzelne KellnerInnen die Lohntabelle mit Begleittext in regelmäßigen Abständen in den Kneipenvierteln plakatieren.

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