Das war Spießerkram

Selbst in den linken WGs westdeutscher Provinz-Hauptstädte hörte man irgendwann über die DDR: „Es war nicht alles schlecht…“ Und in den fünf immer noch als „neu“ bezeichneten Bundesländern ist die Tageszeitung, die für die Verbreitung solcher Thesen sorgt, relativ viel gelesen. Für eine neue Generation von AktivistInnen ist die DDR so Geschichte wie für meine Altersgruppe der Nationalsozialismus oder „1968“. Und um eine weitgehend nicht selbst erlebte Geschichte ranken sich Mythen, die Konsequenzen haben für die eigene Art und Weise, Politik zu machen. Gerade während einer globalen Wirtschaftskrise und damit eines Aufschwungs linker Ideen ist das relevant.

Die HerausgeberInnen des Sammelbandes Was tun mit Kommunismus? diagnostizieren einen neostalinistischen Rückschritt, den Christoph Jünke in seinem Beitrag erläutert und der die DDR glorifiziere. Beispiele sind die von Gesine Lötzsch im Januar 2011 ausgelöste Kommunismus-Debatte, die „Danksagung“ für den Mauerbau durch die junge welt im August 2011 und die Auseinandersetzung um Luciano Canforas und Domenico Losurdos Rehabilitierungsversuche Stalins.

Revolution und Konterrevolution

Das Ende der DDR hat den linken Politikstil massiv verändert. Denn das Setting änderte sich radikal: Zur als „Wende“ kleingeredeten Revolution von 1989 gehörte die Wiedervereinigung 1990, ein binnendeutscher Imperialismus und die Verfestigung der deutschen Vormachtstellung in der EU. Dazu gehörte auch die Welle der rassistischen Anschläge Anfang der 1990er Jahre, der Kosovo-Krieg und der Umbau des Bildungssystems, der 1997 zu massiven Protesten an Schulen und Universitäten führte. Das sind Ereignisse, die mindestens eine Generation von Linken massiv prägten. Deutlich wird dies in dem Beitrag Bini Adamczaks, die auch ihre eigene Geschichte erzählt, in der, obwohl sie 1989 zehn Jahre alt war, die Prägung durch die 1989er Revolution und die 1990er Konterrevolution deutlich wird. Die Geschichte der DDR inklusive ihrem Ende ist immer auch die Geschichte der West-Linken – und dies im weitesten Sinne. Dies schildert etwa Willi Hayek in seinem Beitrag: Die Existenz der DDR bewegte einen auch immer dazu, eine andere Form von Sozialismus zu (er)finden. Und Hauke Benner führt diese Erzählung weiter zu der gegenseitigen Befruchtung der Neuen Sozialen Bewegungen Ost- und Westdeutschlands.

Von der soziologischen Phantasie zur „konkreten“ Utopie

Politische Theorie, Kritik der Verhältnisse und eigene Biographie stehen im vorliegenden Band im engen Zusammenhang. Die Vielfalt der Erfahrungen und die Bereitschaft, diese auszutauschen, machen den Reiz des Buches aus: Haben Adamczak, Hayek und Benner ihre westlichen Erfahrungen eingebracht, so bringen u.a. Renate Hürtgen, Bernd Gehrke und Anne Seeck die Osterfahrungen in die Diskussion. Herauszuheben ist auch der Beitrag Sebastian Gerhards, der die Zeit der „Wende“ und die marktwirtschaftliche Ideologieproduktion der „Wendehälse“ thematisiert, damit auch deutlich macht, wie uneinheitlich die junge Geschichte der PDS bzw. Linkspartei ist. In diesen Beiträgen wird klar: Es reicht nicht, zu konstatieren, dass die DDR ein Sozialismus mit vielen Fehlern war oder eine gute Idee, die falsch umgesetzt wurde. Sondern sie war schlicht gar nicht sozialistisch.

Der Erfahrungsaustausch, der hier geboten wird, ist nicht nur durch mehrere Generationen und die Mischung aus Ost- und Westlinken gegeben, sondern auch strömungsübergreifend: MarxistInnen, AnarchistInnen, TrotzkistInnen diskutieren. Das ist deswegen inspirierend, weil sich an diesem Ansatz jedeR – auch „Nachgeborene“ – sinnvoll beteiligen kann. Das bedeutet nun nicht, dass es nicht auch rein theoretische Beiträge gibt. Frank Engsters Ausführungen zur „Selbstkritik des Kapitals“ schrappen nur haarscharf an völliger akademischer Unverständlichkeit vorbei. Und Lucy Redlers Beitrag ist enttäuschend nah an alter Ideologieproduktion. Dabei hätte sie es nach der Diskussionsreihe, die dem Buch voranging, besser wissen können: Denn das „Ei des Kommunismus“ wird in dem Buch tatsächlich gefunden. Mehrere AutorInnen weisen darauf hin, dass die Frage eben nicht lauten muss, „Was verstehen wir unter Kommunismus?“ und „Wie stellen wir uns diesen als Utopie vor?“, sondern, wie es Christian Frings ausdrückt, dass es um die „beständige selbstbewusste Produktion von Beziehungen“ gehen muss, und zwar in globalem Maßstab: „Wer heute Vorschläge für eine andere Welt aus dem Hut zaubert, sollte sich zuallererst fragen, ob sie oder er sie denn auch schon mit den Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika diskutiert hat.“

Mag sein, dass es im Zuge der jüngsten kapitalistischen Krise zu einer unheilvollen Renaissance autoritärer Sozialismuskonzeptionen gekommen ist. Allerdings scheint sich doch eher das demokratische Modell durchzusetzen. Fast ein Vierteljahrhundert nach der ostdeutschen Revolution können jedenfalls Ost- und West-Linke auf einen Diskussionsprozess zurückblicken, der sie womöglich in dieselbe Bewegung gebracht hat. Die gegenseitige Fremdheit von ost- und westdeutschen Menschen, auch emanzipatorischen, ist immer noch krass hoch, nicht anders als die globale. Aber es wird besser. Ob das reicht, ist eine andere Frage.

Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (Hg): Was tun mit Kommunismus?! Kapitalismus. „realexistierender Sozialismus“. Konkrete Utopien heute. Unrast-Verlag, Münster 2013. 388 Seiten, ISBN 978-3-89771-526-4. 18,- Euro.

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