Ohne Hüllen, ohne Boss

This is not a porn. "Live Nude Girls Unite!" erzählt die Geschichte der Organisierung im Lusty Lady.

Das kalifornische San
Francisco und seine Umgebung können auf eine reichhaltige Tradition
selbstverwalteter Betriebe zurückblicken. Viele solcher Betriebe
sind heute im Network of Bay Area Worker Cooperatives (NoBAWC)
zusammengeschlossen, darunter auch der libertäre Verlag AK Press und
die bekannte Umsonst-Klinik aus Berkeley. Das prominenteste Projekt
im NoBAWC ist jedoch das Lusty Lady, „die einzige gewerkschaftlich
organisierte und selbstverwaltete Peep-Show-Kooperative auf der
Welt“, wie es sich selbst auf die Reklametafeln geschrieben hat.
Bereits als sich die Tänzerinnen im einst privaten Club
gewerkschaftlich organisierten, schrieben sie Geschichte. Mit der
Übernahme des Betriebs in Selbstverwaltung wurden die „Lusties“,
wie sich die Tänzerinnen nennen, endgültig zu einem wichtigen
Referenzpunkt der SexarbeiterInnen-Bewegung.

Live Nude Girls Unite!

Ins Rampenlicht der
Öffentlichkeit geriet das Lusty Lady im Jahr 1997. Mehrere
Missstände am Arbeitsplatz, darunter die Benachteiligung schwarzer
Stripperinnen bei der Schichteneinteilung oder der mangelnde Schutz
vor Gästen, die die Tänzerinnen filmten und fotografierten, führten
damals dazu, dass sich die Belegschaft gewerkschaftlich organisierte.
Es war nicht der erste Organisierungsversuch von Stripperinnen in den
USA – allerdings der erste nachhaltig erfolgreiche. Siobhan Brooks,
eine Feministin und Soziologin, die während ihres Studiums im Lusty
Lady arbeitete, führte damals die Erfolglosigkeit vorangegangener
Versuche u.a. darauf zurück, dass die Organisierungsbemühungen
nicht auf einen closed shop
abzielten. So konnten – wie etwa beim Pacer´s in San Diego –
erkämpfte Errungenschaften schnell durch die Einstellung nicht
gewerkschaftlich Organisierter unterlaufen werden, auf die die Bosse
den Vertrag mit der Gewerkschaft nicht anwenden mussten.

The Lusty Lady in San Francisco

Im Lusty Lady wollte man
den Fehler aus San Diego nicht wiederholen. Zudem fand sich neben
Brooks mit Julia Query eine weitere engagierte Feministin im Lusty
Lady ein, die den Organisierungsprozess maßgeblich mit vorantrieb.
57 der insgesamt 72 Angestellten entschieden sich letztlich für eine
Gewerkschaftsvertretung. Sie bildeten die Exotic Dancers Union –
als Teil der Service Employees International Union (SEIU) und wurden
von SexarbeiterInnen im ganzen Land unterstützt. Am Ende des
Konflikts standen die Beseitigung der bemängelten Missstände, die
Anwendung arbeitsrechtlicher Standards, höhere Löhne und ein
Vertrag, mit dem der Gewerkschaft ein Mitspracherecht in der
Einstellungspolitik eingeräumt wurde. Der Konflikt, der in den USA
auch durch die Dokumentation „Live Nude Girls Unite!“ relativ
große Bekanntheit erreichte, inspirierte viele Stripperinnen in den
USA, sich zu organisieren – auch wenn ähnliche Erfolge bis heute
nicht folgten.

Coop-Show

Im Jahr 2003 entschieden
sich die Tänzerinnen, erneut in den Streik zu treten. Grund für den
Ausstand waren die Pläne der Geschäftsführung, die Stundenlöhne
abzusenken. Der Streik war erneut ein Erfolg, doch die
Geschäftsführung verkündete daraufhin, den Betrieb mangels
Rentabilität zu schließen. Weil die Tänzerinnen nicht all das
verlieren wollten, was sie sich erkämpft hatten, entschlossen sie
sich, den Betrieb selbst zu übernehmen. Unterstützt wurden sie von
anderen selbstverwalteten Betrieben wie etwa dem Good Vibrations,
einer Ladenkette für Sexspielzeug in San Francisco, die zehn Jahre
zuvor selbst in Arbeiterselbstverwaltung überführt wurde. Für
400.000 US-Dollar konnte der Club letztlich gekauft werden.

Auf ihrer Website
erklären die Tänzerinnen, dass die Kooperative eine schätzenswerte
Form des Wirtschaftens sei, die die ArbeiterInnen aber auch vor
bestimmte Herausforderungen stelle. Im Fall des Lusty Lady sei dies
vor allem die Tatsache, dass die Arbeiterinnen – wie üblich in dem
Gewerbe – eher jung sind und häufig geringe Bildung genossen
haben, die es erschwere, den Betrieb erfolgreich zu führen, wie die
PR-Abteilung des Clubs gegenüber der DA
erklärte. Innerhalb der Belegschaft sei es zudem immer ein
Balanceakt, einerseits Verantwortung zu übernehmen, andererseits
keine Autoritäten schaffen zu wollen – eine Gefahr, die bestehe,
auch wenn die Teamleitung alle halbe Jahre von der Belegschaft selbst
gewählt wird.

Durch den Wandel in der
Sexindustrie, der mit dem Aufkommen der Internetpornografie
einsetzte, haben viele Stripclubs an Klientel verloren. Auch das
Lusty Lady musste deshalb in den vergangenen Jahren Umsatzeinbrüche
hinnehmen. Dass sie sich den Laden in dieser Form immer leisten
werden kann, darauf will sich die Belegschaft nicht verlassen. Und
das ist auch einer der Gründe, warum das Lusty Lady weiterhin ein
union shop ist und die
Kooperative regelmäßig Verträge mit der Gewerkschaft abschließt.
„Sollten wir doch mal wieder privat übernommen werden, dann müssen
auch die vertraglichen Standards mit übernommen werden“, erklärt
die Pressesprecherin der Lusties. Aber „auch aus symbolischen
Gründen brauchen wir die Gewerkschaft. Auf diese Weise
unterstreichen wir unsere Forderung, als Menschen mit gleichen
Rechten behandelt zu werden, was in der Sexindustrie geradezu
revolutionär ist.“ Den Ruf nach Normalisierung, wie er der
SexarbeiterInnen-Bewegung eigen ist, teilen so auch die Tänzerinnen
des Lusty Lady. Sie wollen nicht als Sonderlinge behandelt werden –
weder als Lohnabhängige, noch als Aktivistinnen in der
Gewerkschafts- oder Genossenschaftsbewegung.

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