Beißend echt

Lyrik zum AnbeißenGewiss,
Gedichte sind nicht jedermanns Sache. Herz, Schmerz und dies und das.
Was nicht schlecht sein muss, wenn sie gut sind. Dennoch: Es gibt
wohl kein Genre der Literatur, das mehr belächelt wird, mit weiter
verbreiteteren Vorurteilen zu kämpfen hat. Dass sich auch Perlen
darunter finden, lässt sich nur im Tauchgang erkunden.
Sich-Einlassen heißt das Zauberwort.

Radikale
Ehrlichkeit

Einen
Zugang zu lyrischen Werken finden LeserInnen wohl nur dann, wenn sie
die eigene Lebenswirklichkeit berühren. Oder die Phantasie
beflügeln. Das Pathos, in den WortschmiedInnen mitunter verfallen,
nervt, steigert die Distanz, macht AutorInnen einsam. Auch oder
gerade dann, wenn sie mit politisch-emanzipatorischen Inhalten daher
kommen. Gelungene Gegenbeweise gibt es wenige –einen davon hat Jens
Grünberg mit „Fremd in der Welt der Vernutzung“ angetreten.

Grünberg
ist kein Schöngeist, rührt nicht in der Seichtheit an der
Oberfläche. Seine Worte wirken wie Pfeilspitzen, visieren die
Wirklichkeit an, zielgenau, trefflich. Sie formen sich zu Bildern,
sind echt, ungeschminkt im Ausdruck, ungezügelt, geziemende Antwort
auf die Welt, in der wir leben. Wer kennt ihn nicht, den Alltag, der
uns täglich ins Gesicht speit, an den Zeiger der Uhr kettet, uns ins
Räderwerk der Lohnarbeit stößt? Wem ist sie nicht ein Gräuel, die
bürgerliche Vorgartenidylle, in die sich saturierte Einfaltspinsel
Krieg und Verderben allenfalls per Knopfdruck wie einen
Unterhaltungsfilm auf die allabendliche Mattscheibe beamen? Wie
stellt sich jemand dem Unfassbaren, den Massenvernichtungen durch die
Nazis, der Shoah, an den Orten des Grauens?

Pointierung

Grünbergs
Antworten sind Annäherungen, ausdrucksstarke Beschreibungen seines
Empfindens. Sie machen wach, entglasen künstlich aufgebaute
Distanzen wie Schaufensterscheiben. Leichte Unterhaltung ist nicht
sein Ding. Denn er ist wütend.

Nur
selten erscheint ein Text noch etwas ungelenk, ist der Fluss im Buche
durch Wiederholungen gestört. Ein Umstand, der bei ihrer
Entstehungszeit in 23 Jahren und ihrer Fülle mehr als entschuldbar
ist. Der Stärke an Aussagekraft tut das keinerlei Abbruch. Ihre
Wirkung verfehlen Grünbergs Gedichte nie, auch nicht nach dem
dritten Lesen. Fazit: schenken lassen, kaufen, lesen!

Buchdaten:
Jens
Grünberg: Fremd in der Welt der Vernutzung
Gedichte, Wiesenburg
Verlag, 2009, Gebunden,
168 Seiten,
ISBN
978-3-940756-55-8

EUR
16,80


Textproben Jens Grünberg:

In
der U-Bahn

Leiber sitzen auf Bänken
sehen nichts
stumpfe Augen
müde Angesichter
abweisend
ausgelaugt
vom Neonlicht gespenstisch erhellt
einekleine Pause
im Überlebenskampf

 

Machtprobe

Nach diesen sieben Jahren,
in denen Ihr Hunger
gelitten habt,
so sagte Gott,
werden für Euch nun
sieben fette Jahre anbrechen.

Da mussten selbst die
Manager der multinationalen Konzerne
aber lachen:
Kommt darauf an,
wenn Sie,
lieber Herr Gott,
für die Hungernden zahlen,
gern.

 

Toilettenkacker

Toilettenkacker
sitzt und kackt,
die Zeit vergeht langsam,
sehr langsam,
der Rauch der Zigarette
erstickt nahezu den Raum.
Die Zeit vergeht weiterhin langsam
Draußen sind Schritte
sowie Maschinengeräusche
zu vernehmen
Der Toilettenkacker
sitzt auf der Brille,
wartet,
raucht,
Zeit vergeht kaum.
Es ist ein langer Weg
bis zum Feierabend.
Toilettenkacker:
So ist
Dein Leben
eine Fäkalie!

 

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