„Sich fügen heißt lügen“

In der Mühsam-Ausstellung im Buddenbrookshaus in Lübeck sind viele Originale zu sehen. Das Bild zeigt ein Foto Mühsams aus dem KZ Oranienburg, in dem er von der SS ermordet wurdeDie Geschichte libertärer Ideen und
Kämpfe vor und im Ersten Weltkrieg, der revolutionären Phase
1918/1919 und der Weimarer Republik spiegeln sich in der Biografie
und im Werk des anarchistischen Schriftstellers Erich Mühsam in
faszinierender Weise wider. Mit seiner in Politik, Literatur und
Lyrik gelebten Konsequenz, seiner Unbeirrbarkeit ist er immer
Bezugspunkt für viele Menschen gewesen. Auf dieser Seite
präsentieren wir euch die Perspektiven von drei kritischen
Kulturschaffenden auf Mühsam und sein Werk. Doch zunächst ein
kurzer Abriss über sein Leben…

Geboren wurde Erich Kurt Mühsam am 6.
April 1878 in Berlin, wuchs jedoch in Lübeck auf, wo sein Vater eine
Apotheke betrieb. Um ja nicht in der vom Antisemitismus
durchdrungenen Gesellschaft des deutschen Kaisertums als jüdische
Familie „negativ“ aufzufallen, versuchte Erich Mühsams Vater,
alle Eckpfeiler preußischer Ideologie – Gehorsam, Fleiß,
Pflichtgefühl – mit brutaler Gewalt in der Erziehung seiner Kinder
durchzusetzen. Trotz Ausschlusses von einem Lübecker Gymnasium wegen
„sozialistischer Umtriebe“, machte Erich daher ebenfalls eine
Ausbildung zum Apotheker. Doch kaum hatte er diese qualvolle Zeit
hinter sich gebracht, flüchtete er sich von der Provinz nach Berlin,
um in den Kreisen der literarischen Bohème einen neuen
Lebensmittelpunkt zu finden. Die Freundschaft mit Gustav Landauer
eröffnete ihm einen neuen politischen wie auch literarischen
Horizont, es entstanden die ersten Gedichte und Lieder. Das Studium
Proudhons, Bakunins und Kropotkins schärfte Mühsams politische
Artikulation, die allerdings immer mehr war als bloße Rezeption der
Klassiker. 1903 schuf er mit „Die Homosexualität. Ein Beitrag zur
Sittengeschichte unserer Zeit“ ein Werk, dessen Bedeutung im Kampf
gegen die Unterdrückung schwuler und lesbischer Menschen kaum
überschätzt werden kann. Allein, dass ein kulturell angesehener,
heterosexueller Mann sich theoretisch und politisch solidarisch mit
Schwulen und Lesben erklärte, erregte in ganz Europa aufsehen.
Zeitgleich unterstützte er auch den proletarischen Feminismus
tatkräftig.

1909 zog Mühsam nach München und
wurde dort zu einem wichtigen Bezugspunkt der literarischen
Avantgarde (zu seinem Freundeskreis zählte u.a. Heinrich Mann) und
der libertären und revolutionären Szene. So gründete er die Gruppe
„Tat“, die in erster Linie im Milieu der Obdachlosen, Bettler,
Diebe und Prostituierten politisch agierte und agitierte; dieses
„Subproleten“ stellten für Mühsam, aufgrund der ihrer
ökonomischen Situation entspringenden Opposition zu Bourgeoisie und
Staat, eine Basis für eine antistaatliche sozialistische Revolution
dar. Dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs versuchte Mühsam durch die
Organisierung von Streiks sowie der Gründung eines „Internationalen
Bundes der Kriegsgegner“ zu beantworten. Dies führte noch im Jahr
1918 dazu, dass Mühsam verhaftet wurde. Mit Ausbruch der Revolution
wurde er jedoch wenige Monate später befreit und avancierte zum
populärsten Sprecher und Verfechter der Räterepublik. Als diese im
Frühjahr 1919 zerschlagen wurde, verurteilte die Weimarer Justiz
Mühsam zu 15 Jahren Haft.

1924 wurde Mühsam schließlich
amnestiert. Er ging wieder nach Berlin, um sich dort in der Roten
Hilfe zu engagieren, und sich literarisch gegen den erstarkenden
Nationalsozialismus zu stellen. Dies führte dazu, dass Mühsam
sofort nach der Machtübernahme durch die Nazis verhaftet wurde.
Monatelange Folter und Isolationshaft folgten. Schließlich ermordete
ihn die SS am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg. In Mühsams letzten
Briefen und Gedichten ist dokumentiert, dass auch die Nazis bis
zuletzt seinen kämpferischen Willen nicht brechen konnten.

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