Pessimistische Texte in der Revolte

Musik gegen gesellschaftliche Blindheit

„Wir
sind eine Gruppe mit Einflüssen aus der französischen
Liedtradition, den großen Klassikern Brassens, Brel, Gainsbourg,
vermischt mit allem, was uns so in die Hände fällt, von
traditioneller Musik aus der Bretagne über rumänische Zigeunermusik
bis zum amerikanischen Hip-Hop. All das mischen wir mit einer großen
Dosis Energie. Als wir jung waren, nannte man das Punk, jetzt sagt
man dazu Rock. Wenn man uns zu Beginn unserer Band nach unserem Stil
fragte, antworteten wir Java, Punk, Chanson. Wir sind acht Musiker,
die klassische Rockbesetzung plus Blechbläser, Akkordeon und Geige,
was uns viele Möglichkeiten gibt“
, so stellt Jojo Gallardo den
Stil der Les Hurlements d’Léo vor. Die Band aus der libertären
Szene von Bordeaux war Anfang des Jahres auf Tournee in Deutschland
mit ihrer neuen Doppel-CD „13 Ans De Caravaning“ im Gepäck. Die Bandmitglieder kommen aus verschiedenen Stilrichtungen und einige sind noch in anderen Formationen aktiv. Laulo Bousquet forciert seine Solo-Karriere als Kebous, Jojo sowie Pépito Renou spielen noch bei Les Touffes Krétiennes.

Wie findet Ihr musikalisch zusammen?

Zunächst verbindet uns eine gemeinsame Leidenschaft für Musik überhaupt. Ich gehe davon aus, dass es prinzipiell keine Musik gibt, die ich nicht mag. In jedem Musikstil gibt es Dinge, die ich mag oder nicht. Grundsätzlich haben die beiden Sänger, die die Gruppe gegründet haben, die Têtes Raides, Mano Solo, Mano Negra und ähnliche Gruppen gehört, die zwar vom Chanson her kamen, aber aus dem alternativen Milieu der 1980er Jahre, einer sehr aktiven Szene. Andererseits gab es viele Wechsel, für die Älteren ging es eher um Einflüsse aus dem Hip Hop, Reggae und elektronischer Musik, für die Jüngeren um Funk, Soul, Jazz.

Die Songs der Band sind pure Energie, animieren beim ersten Hören sofort zum Tanzen, sind sozusagen der Soundtrack für Festivitäten, oder?

Um es ganz kurz zusammenzufassen, sie enthalten pessimistische Gedanken über das Leben, vor allem über die Liebe, die Gesellschaft, eben über die Welt, in der wir leben. In Frankreich gibt man uns oft das weniger zuvorkommende Etikett ‚festlich‘. Es stimmt wohl schon, das wird uns inzwischen auch bewusst, dass wir ein Paradox zu Ohren bringen, weil unsere Texte eher traurig sind. Wenn ich pessimistisch sagte, meine ich, dass wir sauer sind, in der Revolte, in Bezug auf manche Themen sogar hasserfüllt. Und wenn wir traurige Dinge erzählen, haben wir Lust, sie herauszuschreien.

Wenn die Leute mit euch „feiern“, ist das vielleicht ein „Feiern“ oder ein „Fest“ in der tiefen ernsten Bedeutung dieses Begriffs?

Ja, in dem Sinn, dass es eine kleine Pause während des Tragens der Lebenslast ermöglicht.

Dann ist der Bandname „Les Hurlements d’Léo” programmatisch zu verstehen, in dem Sinne, dass Ihr Eure Trauer herausschreit?Anfangs
noch nicht, denn den Namen haben wir von einem Titel der Négresses
Vertes her genommen, einer Rockgruppe, durch die viele ältere Bands
beeinflusst sind. Diese Band hat einen sehr schwarzen Humor. Und
dieses Chanson erzählt die Geschichte von Léo, einem mittelmäßigen
Geiger, dem beide Arme abgenommen werden und der schließlich
Selbstmord begeht, indem er sich vor einen Zug wirft. Sehr
‚fröhlich’… Zuerst haben wir den Namen übernommen, weil er
gut klang. Dann wurde uns bewusst, dass das Lied die Geschichte einer
verlorenen Seele in einer Gesellschaft erzählt, die die
Unangepasstheit nicht akzeptiert. Uns wurde klar, dass das ein Thema
ist, welches uns als Mitglieder dieser Gesellschaft am Herzen liegt.

Apropos gesellschaftliche Realität, wie empfindet Ihr die Chancen für eine aktuelle gesellschaftliche Revolte in Frankreich?

Wenn ich von heute aus auf das zurückblicke, was 2009 passierte, waren wir noch nie so weit weg von einer Revolte. Wenn die Leute von ihrer betäubenden Arbeit nach Hause kommen, schalten sie lieber ihr Gehirn aus und sehen fern, und beim Fernsehen erfährt man Lügen und denkt, die Gesellschaft funktioniere so oder so. Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Auch wenn ich ein wenig schematisiere, will ich damit sagen, dass die Gewerkschaften heute keinerlei Glaubwürdigkeit mehr besitzen. Letztes Jahr waren sie zu nichts fähig. Im Moment der entscheidenden sozialen Konflikte waren sie nicht da. Und nachdem 2 Millionen Menschen im Januar 2009 zu der sehr erfolgreichen großen Demonstration gegen die Regierungspolitik gekommen waren, haben sie sich damit begnügt, eine zweite Demonstration erst zwei Monate später zu veranstalten, zu der dann natürlich nur noch die Hälfte der Leute erschien. Sie hätten aus dem Erfolg der ersten eine starke Position der Regierung gegenüber beziehen können. Stattdessen haben sie das schleifen lassen nach dem Motto, ‚wir können ja in zwei Monaten noch mal eine machen, dann sehen wir…’.

Was die Perspektive des sozialen Widerstandes betrifft, macht sich Jojo keine Illusionen:

In Frankreich ist die Linke eine Baustelle. Wenn in den Medien von der Linken die Rede ist, geht es immer darum, wer gerade auf wen eingedroschen hat. Nie geht es um ein Programm, um Grundlegendes, um die Wirtschaft und den Kapitalismus. Die Leute aus militant-alternativen Kreisen rudern seit Jahren und haben dabei den Eindruck, dass dies wenig bringt. Andererseits sage ich mir, dass wir vielleicht noch nicht tief genug gefallen sind, um auf Grund zu stoßen. Ob es dann nicht zu spät sein wird? Die Geschichte ist leider eine ewige Wiederkehr. Aber Hoffnungsschimmer – ja, überall gibt es kleine Initiativen, in Frankreich, Deutschland, den Staaten, Lateinamerika, die etwas verändern. Die Hoffnung ist weltweit, wenn es überhaupt eine gibt.

Jorinde Reznikoff / Klaus-Peter Flügel

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