Vier Kreuze pro Minute

Denkmal für die Asbest-Opfer in dem Werften-Städtchen La Ciotat (Frankreich), seit dem 28. April 2007

Alle 15 Sekunden stirbt auf der Welt
ein Mensch an den Folgen der Ausbeutung durch Arbeit, sei es aufgrund
von schlechten Sicherheitsbedingungen, giftigen Werkstoffen oder
Folgeschäden verursachenden Tätigkeiten. Weltweit sterben somit pro
Jahr über 2,2 Millionen ArbeiterInnen durch die Folgen von Arbeit.
Weitere 160 Mio. tragen jährlich Verstümmelungen, Verletzungen und
Krankheiten davon (siehe dazu „Alltag ist Krieg“, DA Nr.
194). Gerade durch die weltweite Prekarisierung, durch die Ausweitung
der Arbeitszeiten, durch Rationalisierung und Einsparungen ist die
Tendenz zu mehr Unfällen steigend. Hinzu kommt, dass eine
nachholende Industrialisierung unter Vernachlässigung des
Arbeitsschutzes in den Schwellenländern die Anzahl der
Arbeitsunfälle massiv ansteigen lässt. Nun hat sich auch die IAA
auf dem letzten Kongress des Themas angenommen und begrüßt für
dieses Jahr Beteiligungen am internationalen Workers’ Memorial Day
(WMD), der jährlich am 28. April begangen wird.

Der WMD findet seit 1984 statt. Er
wurde von der kanadischen Gewerkschaft CUPE initiiert, zunächst als
reiner Gedenktag für die (Todes-)Opfer von Arbeitsunfällen. Relativ
schnell wurde er auch von der Internationalen Arbeitsorganisation
(ILO) der UNO aufgegriffen; in derzeit über 25 Ländern ist er ein
offizieller Gedenktag. Ging es den Initiatoren schlicht um ein
„Remember the Dead!“, erfolgte in den 1990ern die Politisierung
des WMD, was sich in der Erweiterung des Slogans um „Fight for the
Living!“ ausdrückte. Spätestens seit 1996 werden im Kontext des
WMD auch konkrete Forderungen aufgestellt, so z.B. nach sicheren
Arbeitsplätzen oder nach Abschaffung giftiger Arbeitsstoffe in der
Produktion. Zur Durchsetzung solcher Forderungen finden am WMD immer
wieder auch Betriebsaktionen, bis hin zu Streiks, statt. Allgemeine
Aktivitäten gab es zuletzt in 45 Ländern. In Deutschland tut sich
am 28. April traditionell nichts. Der WMD ist hier gänzlich
unbekannt.

Das soll sich nun ändern. Sowohl die
FAU Berlin als auch die FAU Leipzig planen für dieses Jahr Aktionen
am WMD. Der Tag bietet viele Ansatzpunkte für syndikalistische
Gewerkschaften. Dabei können angrenzende Themen, wie z.B.
Arbeitszeitverkürzung als klassischer Gegenstand des zeitnahen 1.
Mai angesprochen werden, schließlich besteht zwischen Arbeitshetze
und Arbeitsunfällen allzu oft ein direkter Zusammenhang. Auch die
psychologischen und suizidalen Folgen von Lohnarbeit, welche die FAU
schon thematisiert hat, dürften keinesfalls deplatziert sein.
Möglichkeiten der Aktivität gibt es viele. So kann zum Beispiel vor
Ort auf besonders schwarze Schafe hingewiesen werden, können
arbeitsrelevante Institutionen in die Verantwortung genommen oder
Gedenkveranstaltungen an befleckten Orten durchgeführt werden.

Es erscheint geradezu überfällig, das
Thema des blutigen betrieblichen Alltags in Deutschland präsent zu
machen. In anderen europäischen Ländern ist es dies bereits
geschehen, so z.B. in Italien, Spanien oder Griechenland, wo die
Diskussion um tödliche Arbeitsunfälle unter den ArbeiterInnen viel
Raum einnimmt. Hierzulande dagegen Schweigen: Und das, obwohl auch in
der Bundesrepublik im Durchschnitt täglich 3.400 ArbeiterInnen
verletzt werden und jeden Tag vier Menschen bei der Arbeit oder an
deren Folgen sterben.

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